W. Michel, M. Nemoto: Zur Motivierung der Studenten. In: Nihon Dokubun Gakkai Kyôikubukai Kaihô - Mitteilungen des Japanischen Deutschlehrerverbandes, No. 27 (Tokyo, 1985), pp.10 - 17.


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Wolfgang Michel / Michiya Nemoto

Zur Motivierung der Studenten
- Ein Studienreiseprojekt und seine Folgen --


1. Von der systembedingten Misere der Fremdsprachenerziehung in Japan abgesehen, leidet der Deutschunterricht an den Hochschulen vor allem an der psychischen Ferne des Lehrgegenstandes. Doch die Bemühungen, Sprache, Gesellschaft und Kultur den Studenten ans Herz zu legen, gehen oft von einem sehr verengt verstandenen Begriff von Lernmotivation aus, bei der man sich jedoch - vereinfacht formuliert - mindestens die drei folgenden Aspekte verdeutlichen sollte.

Personengebundene Motivation: Infolge eines spezifischen Werdegangs individueller Merkmale wie erhöhte Aggressivität, Dominanzstreben, Ehrgeiz, Eitelkeit, Angst u.a.m. entfaltet der Betreffende eine vom Lehrenden oft mit Wohlgefallen betrachtete, doch fragwürdige Lernaktivität, die bei Wandel oder Abschluß der Ausbildung rasch erlahmt. Solche individualpsychologischen Gegebenheiten bieten keine verläßliche Grundlage für ein gruppengerechtes Motivationskonzept .

Situationsgebundene Motivation: Das in die Lernmaschine gepreßte Lehrobjekt hat unter dem Druck der Systemzwänge keine andere Wahl als gerade so viel Respons zu zeigen, wie nötig ist, um sich durch den Ausbildungsprozeß zu winden und diesem schließlich aufatmend zu entkommen. Es bleibt nichts außer einem tiefsitzenden Widerwillen gegen Deutsch(es). In der demgegenüber ,positiven' Ausformung bedankt sich die (der) vom pädagogischen Charme des Lehrers (der Lehrerin), den angenehmen Sozialformen des Unterrichts usw. bestrickte Studentin (Student) durch emsigen Einsatz für diese schöne Erfahrung, die noch lange in angenehmer Erinnerung bleiben wird. Im Glücksfalle entwickelt sich hieraus ein dauerhaftes Interesse arn Gegenstand (s.w.u.), häufiger indes bleibt auch hier der Unterricht folgenarm.

Sachgebundene Motivation: Der selbst durch miserable Lehrer und Lehrmaterialien nicht zu bremsende Student sieht im Lehrgegenstand einen persönlichen Bezug zu seinen Plänen, Interessen und Hoffnungen und versucht auch nach dem Grundstudium, seine Kenntnisse und sein Verständnis zu vertiefen.

In der Hoffnung auf diese sachgebundene Motivation wendet man in der Regel erhebliche Energien zur Gestaltung der Unterrichtssituation auf, nutzt zuweilen (un)wissentlich auch individuelle Faktoren, ohne sich darüber klar zu werden, daß der Aufbau einer sachbezogenen Motivation einen Einstellangs-, einen Verhaltenswandel bedeutet. Doch nur selten sind die Voraussetzungen so günstig, daß man solch ein Ziel in der kurzen Zeit des Grundstudiums allein durch kognitive Stimulation erreicht.

2. Eines der Hauptprobleme der Fremdsprachenerziehung in Japan ist, wie man in einer Situation, in der zwar jedermann unablässig von Internationalisierung redet, die Rahmenbedingungen für eine demgemäße Erziehung indes zunehmend schwieriger werden, die Bedeutung der Sprachstudien sinnfällig machen kann. Da die meisten Einstellungsänderungen auf Erfahrungen beruhen, andererseits der übliche Gruppentourismus wenig zur Selbstbesinnung und Völkerverständigung taugt, haben wir, auch auf Anregung unserer Studenten, ein Studienreiseprojekt mit Betonung der Studien entwickelt. Natürlich erreichen wir so zunächst nur eine kleine Gruppe unter den Studierenden, doch zeitigte dieser Versuch überraschend gute Wirkungen, die auch auf die allgemeine Situation ausstrahlen, weshalb die wichtigsten Punkte nachfolgend vorgestellt werden sollen.

 

Rahmenbedingungen

Im Hinblick auf mögliche juristische Komplikationen haben wir die Gesamtverantwortlichkeit einem Reiseuntemehmen überlassen, das sich mit einer minimalen Gewinnmarge begnügt. Die begleitenden Lehrkräfte, die als Leiter fungieren, übemehmen jedoch, mit Ausnahme des Fluges, der Versicherungen, Darlehensfragen u.a., weitgehend die Vorbereitung und Durchführung. So läßt sich die finanzielle Last der Teilnehmer erleichtern, was z.T. allerdings auch aus der pädagogischen Zielsetzung folgt. Die Gesamtkosten entsprechen etwa dem Preis eines normalen Motorrads. Die Darlehen sind so konzipiert, daß man sie durch einen ,Job' im heutzutage üblichen Umfang in 1 1/2 Jahren tilgen kann.

Zwar studiert die Mehrzahl der Studenten an der Kyushu-Universitat, doch ist die Teilnahme prinzipiell auch qualifizierten Studenten anderer Hochschulen der Region offen. Dies zeigt gleichermaßen die Zusammensetzung der Leitergruppe: außer den Autoren arbeiten am Projekt bislang K. Azuma (Pädagogische Hochschule Fukuoka) und T. Tanaka (Kyushu-Universität) mit.

Die Größe der Gruppe im Verhältnis zur Anzahl der Leiter sollte sorgfältig bedacht werden. Mit rund 60 Teilnehmern und 4 bis 5 Leitern scheint bei unserer Zielsetzung eine Grenze erreicht zu sein. Die Gesamtgruppe ist in 2 Kurse A und B geteilt, diese wiederum in sechsköpfige Untergruppen mit Gruppensprechern. So kann man Verantwortung delegieren und den Informationsfluß vereinfachen.

Die Studienreise wird von der Fakultät gebilligt, was in mehrfacher Hinsicht (evtl. Zuschüsse, Verantwortungsproblematik, Räumlichkeiten und Hilfsmittel zur Vorbereitung, Freistellung der Leiter) wichtig ist.

 

Allgemeine Gesichtspunkte zur Durchführung

Die Teilnehmer sollen den Deutschen in möglichst vielfältigen Situationen begegnen.

In Deutschland reisen daher die zwei Kurse A und B phasenverschoben und kommen nur zeitweilig zusammen. Als Transportmittel dient dementsprechend die Eisenbahn, zur Übernachtung empfehlen sich Jugendherbergen bzw. Jugendgästehauser.

Ein rund einwöchiger, obligatorischer Familienaufenthalt in einer Kleinstadt (in Großstädten kaum durchführbar!) soll sprachliche und kulturelle Erfahrungen aus dem privaten Bereich und Alltagsleben in einer überschaubaren Umwelt vermitteln.

Mithin muß die Reise in den Frühjahrsferien stattfinden, in denen Museen, Theater, Opern geöffnet, die Deutschen gewöhnlich zu Hause und nur wenige Touristen unterwegs sind.

Die Übernachtungsorte während der Rundreise wurden so gewählt, daß man von dort aus gegebenenfalls alle interessanten Ziele der Bundesrepublik, z.T. auch der Schweiz und Österreichs in Tagesexkursionen erreicht (flächendeckende Schwerpunkte). Die Mindestübernachtungsdauer beträgt zwei Nächte, um eine gewisse Ruhe in den Ablauf zu bringen. Dank der vorbereitenden Schulung können die Teilnehmer dann die regionalen Unternehmungen auf eigene Faust durchführen.

Um auch andere deutschsprachige Staaten einzubeziehen, machen wir eine dreitägige Kurzreise wahlweise in die DDR oder nach Österreich.

Für die Zukunft ist schließlich ein einwöchiger Intensivkurs an einer deutschen Hochschule im Gespräch, dessen Abschluß durch einen Leistungspunkt anerkannt wird.

 

Vorbereitung der Teilnehmer

Da wir unsere Zeit und Energie nicht für eine Touristenreise vergeuden wollen, werden die Studenten sprachlich und landeskundlich in besonderen, teilnahmepflichtigen Veranstaltungen geschult. Diese Vorbereitung erwies sich als entscheidender Faktor für das Gelingen des Projektes.

Zur Auffrischung und zum Ausbau der allgemeinen Grundkenntnisse dient ein Videokurs (z.Zt. "Guten Tag", Langenscheidt Verlag) mit begleitenden Erklärungen.

Sprachübungen anhand speziell zusammengestellter Lernmittel helfen bei der Bewältigung von Alitagssituationen bis hin zu möglichen Reibereien und Konflikten. Hier lernt man auch einige Techniken zur Selbstbehauptung.
Landeskundliche Einführungen, teils wahrend der Sprachübungen, teils gesondert, umfassen bislang Geographie, Geschichtliches, Baustile, Essen und Trinken, Sitten und Gewohnheiten, Familienleben usw.
Der Lernerfolg wird mehrmals geprüft, bei unzulänglichen Leistungen, die letztlich die Gruppe wie auch die Leiter belasten, darf der Betreffende nicht mitreisen.

Die Studenten müssen sich auch in einer freien Rede von etwa zwei Minuten auf deutsch vorstellen können und einen schriftlichen Lebenslauf für die künftigen Gastfamilien verfassen.
Besonders während des Familienaufenthaltes sollen sie einen Eindruck von ihrer eigenen japanischen Welt vermitteln. Hierzu bereiten sie sich sprachlich und sachkundllch (!) vor: Familienleben, Studiurn, Kochen, Lieder, Papierfaltkunst, Teezeremonie, Judo, Karate, Kendo u.a.m. Zum Teil werden die nöngen Requisiten eigens dazu nach Deutschland mitgenommen.

Alle Teilnehmer sind verpflichtet, einen vollständigen eigenen Reiseplan samt der persönlichen Unternehmungen aufzustellen, zum einen, urn einen organisatorischen Überblick zu gewinnen, zum anderen, um zu einer bewußten Zielsetzung anzuregen. Anhand des Kursbuches, von Reiseführern und unter Beratung und Vermittlung der Leiter bereitet man auch Besuche bestimmter Forschungsinstitute, Museen etc. vor, zuweilen wird hierbei eine gesonderte Korrespondenz nötig.

 

Technisch-Organisatorisches

Die Reservierung von Jugendherbergsbetten durch Reisebüros ist nicht möglich. Dies muß durch die Leiter etwa ein halbes Jahr vor Reiseantritt erfolgen. Die Leiter benötigen einen Leiterausweis des japanischen Jugendherbergsverbandes, die Studenten einen einfachen Mitgliederausweis.

Aus pädagogischen Grunden haben wir von Anfang all auf einen Reisebus verzichtet. Die Deutsche Bundesbahn stellt bei Vorlage eines Paßbildes und des internationalen Studentenausweises an jedem deutschen Bahnhofsschalter ein preisgünstiges Trampermonatsticket aus. Während der Eisenbahnfahrten verteilen sich die Studenten zu zweit oder dritt in die Abteile.
Ohne einen lokalen Organisator ist ein Familienaufenthalt fast undurchführbar. Beim ersten Mal half uns die gemeinnützige Organisation für Internationale Kontakte (Postfach 200571, 53 Bonn 2, Bad Godesberg).

 

Familienaufenthalt

Dank des lokalen Verantwortlichen, in unserem Fall das Kreisbildungswerk einer süddeutschen Kleinstadt, wurden die Teilnehmer einzeln oder zu zweit in Familien mit ähnlichen Interessen, ähnlicher Berufsausrichtung untergebracht. Wir hatten während dieser Zeit auch Gelegenheit, die öffentlichen Einrichtengen der Stadt, (Bibliothek, Rathaus, Stadtarchiv, Museum) kennenzulernen und kleine und mittlere Betriebe zu besichtigen. Im Kindergarten, in der Grundschule und im Gymnasium nahmen die Studenten nicht nur an den Aktivitäten bzw. dem Unterricht teil, sie konnten auch mit Erziehern über Methoden und Zielsetzungengen sprechen. Erfreulicherweise erklärten sich dann die Gastgeber spontan bereit, die nächste Gruppe wieder aufzunehmen. Doch wird man langfristig auch auf andere Städte ausweichen mussen, da ein Familienaufenthalt - wohl die intensivste Form interkultureller Kommunikation - trotz aller schönen Erlebnisse von den Gastgebern erhebliche Vorbereitungen und viel Idealismus verlangt.

Auswirkungen


Die Mehrzahl der Studenten hat zum Zeitpunkt der Anmeldeng gerade erst angefangen Deutsch zu lernen. Die Perspektive, ihr Wissen nach knapp einem Jahr in der Praxis erproben zu körmen, verstärkt die Lernanstrengungen betrachtlich. Auch ist der Einfluß auf die Umgebung unübersehbar: andere lassen sich mitreißen, zuweilen bilden sich kleinere Lerngruppen.
Nach der Rückkehr müssen die Teilnehmer einen Bericht über ihre Erfahrungen und Eindrücke verfassen, der in der Form einer Broschüre gedruckt und verteilt wurde. Auszüge erschienen dann in der Fakultätszeitschrift, die von allen Studenten gelesen wird. Darüber hinaus haben wir gemeinsam auf einem Symposium unsere Reise vorgestellt.
Deutsch war plötzlich eine Sprache geworden, mit der sich etwas anfangen läßt, mit der man ,etwas zu tun hat', die man auch künftig gebrauchen wird. Diese Erfahrung beeinflußt ganz offensichtlich auch die Freunde und Studienkollegen der ehemaligen Teilnehmer.
In manchen Fallen war ein japanisch-deutscher Kontakt entstanden, der durch Briefwechsel weiter gepflegt wird. Einige Studenten sind noch im selben Jahr erneut nach Deutschland gefahren. Auch versuchen Teilnehmer aus kulturwissenschaftlichen Studienfächern diese Erfahrungen, Kenntnisse für ihre Abschlußarbeiten zu verwerten.
Im Grundstudium selbst erhöhte sich nach der ersten Studienreise merklich die Zahl der deutschlernenden Studenten.
Infolge des verstärkten Interesses an der deutschen Sprache, an Deutschland, wurde die Einführung von frei zugänglichen ,Service-Kursen' für Hörer aller Fakultäten akut. An die Frage der Nachbetreuung hatten wir zunächst gar nicht gedacht.
Gerade im Hinblick auf die eingangs erwähnte ,Einstellungsproblematik' und die allerorten geführte ,Internationalisierungsdiskussion' scheint uns auch wichtig, daß die Studenten während des Aufenthaltes in Deutschland in unzähligen Situationen immer wieder auf die Relativität ihres eigenen Wahrnehmungsmusters, ihres Wertsystems gestoßen werden. Dank ihrer Jugend und wohl ein wenig auch dank der Vorbereitungen zeigten sie sich jedoch in der Lage, diesen Kulturschock positiv zu verarbeiten. In einer Umwelt aufgewachsen, die hartnäckig die grundsätzlichen Differenzen zwischen Japan und anderen Ländern betont, gewannen sie ferner die für sie überraschende Einsicht, daß ungeachtet aller Kulturunterschiede eine beträchtliche gemeinsame menschliche Basis existiert, die unser Verstehen und Verständnis ja erst ermöglicht.

Zum Schluß


Noch ein Wort zu den Leitern selbst. Schon während der Vorbereitungen wurden wir immer wieder auf die Schwächen unseres eigenen Unterrichtes aufmerksam. Die Frage, was man verbessern kann und muß, stellt sich unerwartet scharf, denn die Kontrolle unseres Lehrerfolges findet nun repräsentativ in der deutschen Praxis statt. Zugleich sind wir gezwungen, mehr als bisher mit den Lernenden zu einer Verständigung zu kommen, besonders, wenn diese gezielte Wünsche an uns herantragen. Sowohl bei der Reform des Curriculums als auch bei der Entwicklung neuer didaktischer Techniken ist der Impuls dieses Studienreiseprojekts unübersehbar.
Wir wollen auch nicht verheimlichen, daß der Umgang mit den Studenten vor, während und nach der Reise, der gesellschaftliche, praktische Bezug unserer Aktivitäten zahlreiche Anregungen, viel Freude und Befriedigung brachte, was man - so hoffen wir - auch im Alltag des Hörsaals spüren wird.


 

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