Wolfgang Michel

Wolfgang Michel: Bedingungen des 'internationalen Verstehens' [On the conditions of international understanding]. Ibunka-kan Kyôiku Gakkai Newsletter, No. 10 (Oct 1985), pp.26 - 30.


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Bedingungen des 'internationalen Verstehens'

 

 Vorüberlegung

Bevor wir uns einen Begriff zu eigen machen, sollten wir uns um seine sprachlichen wie sozialen Wurzeln kümmern. Erstaunlicherweise gibt es z.B. in der Bundesrepublik Deutschland zwar die sprachliche Möglichkeit, Vokabeln wie 'Kokusaika' und 'Kokusairikai' zu übersetzen, doch begegnet man den Äquivalenten 'Internationalisierung' bzw. 'internationales Verstehen' im deutschen Sprachalltag höchst selten, obwohl doch Fragen der Ausländer-Integration, der Versöhnung mit den ehemaligen Kriegsgegnern weitaus wichtiger genommen und häufiger artikuliert werden in Japan. Und bei einem so schillernden Begriff wie 'Kokusaijin', der selbst in japanischen Nachschlagewerken nicht definiert ist, geraten Europäer ganz in Schwanken. Der 'Internationalist' und der 'Internationalismus' sind durch außenpolitische Maximen Osteuropas in die Sprache der Ideologie überführt worden. Es bliebe der antiquierte 'Kosmopolit', der vielleicht ein neues Gewand bekommen haben könnte. Doch pflegt man diesen in Japan bekanntlich als 'Kosumoporitan' zu übersetzen. Zu alldem gesellt sich eine weitere deutsche Nuancierung von 'Verständnis' und 'Verstehen', die eine begriffliche Einigung zwischen den Sprachen nicht eben leichter macht.

 

 

 1. Internationales Verstehen und zwischenstaatliche Beziehungen

Schauen wir uns deshalb einmal um, wer solche Schlagworte in die öffentliche Diskussion Japans gebracht hat. Wohl kaum die Geistes- und Gesellschaftswissenschaftler! Ein Rückblick zeigt, daß diese Vokabeln vielmehr in dem Augenblick verbreitet wurden, als die japanische Handels- und Außenpolitik in eine Sackgasse geriet, das Ausland nicht mehr genügend 'Verständnis' für die besondere Lage, die spezifischen Belange des Landes zeigen wollte. Von Anfang an spielt denn auch der instrumentale Charakter der oben genannten Begriffe eine überragende Rolle. Wir bekamen und bekommen unablässig Vorgaben, was zu leisten ist: Japans Positions behaupten, die anderen von der gerechtfertigten japanischen Sicht zu überzeugen. Doch dürfen wir gewiß sein, daß eine internationale Verständigung auf dieser außenpolitischen, außenwirtschaftlichen Ebene ohne unser Zutun erreicht wird. Hier handelt es sich um Fragen der Machtpolitik. Der Hilferuf der Wirtschaft, der Politiker, Diplomaten und Ministerialbeamten hat andere Ziele. Ob der Dollarkurs zu hoch ist, der japanische Markt verschlossen, die japanischen Autos überlegen, die amerikanischen minderwertig - dies alles sind Fragen, zu denen Lösung Erzieher und Erziehungswissenschaftler unmittelbar nicht viel beitragen könnten. Dies wird letztlich im Parallelogramm der politischen und wirtschaftlichen Kräfte entschieden. Bezeichnenderweise bleibt gerade der Einsatz derjenigen, die doch die größten Wirkmöglichkeiten hätten, sehr bescheiden. All die brennenden globalen Probleme beiseite getan, selbst im Inland gibt es genügend unerledigte Hausaufgaben, die man erledigen müßte, bevor man reinen Herzens einen Bewußtseinswandel fordert: Fragen des Ausländerregistrierung, der Staatsbürgerschaft von Kindern aus gemischten Ehen, der Schulpflicht für ausländische Kinder und so fort. Japan erhofft sich von seinen ausländischen 'Residents' einerseits Wohlwollen und Wohlverhalten, stellt andererseits deren Duldsamkeit und Leidensfähigkeit auf eine harte Probe.

Weiter sollten wir uns davor hüten, ein Einverständnis, ein Kommuniqué von Politikern als Beweis für das Vorliegen einer Verständigung zwischen den Völkern zu nehmen. Nicht nur die Erfahrungen von Reisen ins europäische oder asiatische Ausland sprechen dafür, daß das Gedächinis von Völkern besser ist als das ihrer Politiker. Wir sehen hier auch, welche entscheidende Rolle die Geschichte im Verkehr zwischen Nationen spielt und wie gefährlich ein ahistorisches Bewußtsein werden kann.

 

 

 2. Internationales Verstehen und zwischenmenschlichen Beziehungen

Wenn überhaupt, dann können wir einen Einfluß auf die zwischenstaatlichen Beziehungen nur langfristig über die zwischenmenschlichen Beziehungen ausüben. Hier liegt meines Erachtens die große Chance der Erziehungswissenschaften, die im Laufe ihrer kurzen Geschichte in Europa wie in Japan auf politischen Wechsel stets allzu geschmeidig und anpassungsfreudig reagierten, einen Teil ihrer historischen Schuld abzutragen.

Einer echten internationalen Verständigung wird der ethnozentrische oder nationale Erziehungsbegriff zum Hindernis. Ja sogar den Begriff des interkulturellen Verstehens (ibunkakan rikai) sollte man nur sehr vorsichtig verwenden. Viele sogenannte interkulturelle Differenzen sind zugleich auch innerkulturelle. Hierzu nur ein kleines Beispiel aus der BRD. Wenn ein türkische Junge im deutschen Kindergarten nicht beim Aufräumen helfen will, weil er kein Mädchen ist, dann zeigt er ein Rollenverständnis, wie man es auch unter Deutschen noch beobachtet. Es wäre eine gefährlicher Irrtum, derartige Phänomene als deutsch-türkische Kulturdifferenzen zu generalisieren, in einer westdeutschen Gesellschaft, die in Teilen noch heute die Tradition des 'Pascha' pflegt. Fragen der Rollendefinitionen werden auch in ein und derselben Gesellschaft höchst unterschiedlich beantwortet.

Wir teilen desweiteren den Kulturbegriff bezeichnenderweise in Jugendkultur, Kultur der Elite u.a.m. auf. Was als Kultur zu gelten hat und was nicht, legen nur zu oft selbsternannte 'Kulturträger' fest. Und nicht zufällig wird jeder revolutionäre Wandel in Musik, Kunst, Architektur, Theater, Tanz usw. zunächst einmal als 'Unkultur' angegriffen. Interkulturelle Verständigung ist mithin auch ein binnengesellschaftlicher Vorgang. Wie sehr uns Termini wie Volk, Staat und Kultur den Blick verstellen können, müßte spätestens ein Blick auf die Vielfalt der Konzeptionen dieser Begriffe in den einzelnen Sprachgemeinschaften lehren.

Was als sogenannte Kulturdifferenz Schwierigkeiten zu bereiten scheint, setzt in Wirklichkeit in einem ganz anderen, grundsätzlichen Bereich ein. Wir pflegen uns nämlich an allem Ungewohnten, Beunruhigendem ungeachtet seiner Qualität und Herkunft zu reiben, weil es als Angriff auf uns und die von uns projektierte 'kosmische' Ordnung empfunden wird. Die im Laufe unserer Sozialisation erstarrten Wahnehmungs- und Verhaltensmuster besonders bei sozialen Objekten sind zwar einerseits unumgänglich zur Erledigung der täglichen Lebensroutinen. Zu diesem Zwecke haben sie sich ja gebildet. Doch die in Urhorden sicher sinnvollen Mechnismen lösen in einer interdependenten und komplexen Welt wie heute zuweilen gefährliche Neigungen aus. Natürlich werden wir uns aus jenen Fesseln nie ganz befreien, doch sollten wir sie kennenlernen. Der erste Schritt muß somit die Bewußtmachung der Bedingtheit und der Strukturen unserer Wahrnehmung sein. Mit einer bloßen Aufklärung, mit sogenannten objektiven, korrekten Informationen ist es hierbei nicht getan. Denn leider und zuweilen auch glücklicherweise sind wir in der Lage, uns störende Faktoren auszuschalten. Augenfällige Exempel liefert wieder der deutsche Alltag. Ein mit türkischen Kollegen am selben Fließband arbeitender deutscher Arbeiter wird seine soziale Position, das Gefühl der Überlegenheit, seine Vorurteile mit aller Macht verteidigen. Was nicht zum Steretyp paßt, wird ignoriert, als Ausnahme abgetan, vergessen. Die Angst vor dem Zusammenbruch des fundamentalen Ordnungsmusters dürfte jeden Versuch der Aufklärung zunichte machen. Auch in der Politik begegnen wir solchen Gegenstrategien allenthalben:

  • - Auswegsuche ohne konkrete Maßnahmen
  • - Ausnahme-Erklärung
  • - Gegeninquisition, Gegenangriff
  • - Schuldverrechnung
  • - Ignorieren, Vergessen

 3. Internationales, d.h. zwischenmenschliches Verstehen in der Erziehung

Nun sind Kinder in einer etwas besseren Situation, da sie noch nicht so viel zu verteidigen haben. Doch wäre es auch hier verhängnisvoll, etwa anstelle der 'negativen' Stereotype nun 'positive' zu vermitteln. Man muß vielmehr den Kindern klarmachen, wie in ihnen solche 'fixen Ideen' entstehen, welche Folgen sie unter Umständen haben können. Dies bezieht sich keineswegs nur auf Ausländer. Denken wir nur an das Geschlechterproblem, an die Behinderten, die Beurteilung von Menschen nach ihrem Einkommen, ihrer Schule, ihrer Firma, ihrer Religion, oder an die Burakumin, Ainu, Koreaner und schließlich die zurückgekehrten japanischen Kinder, die so 'unjapanisch' wirken.

Der zweite Schritt besteht darin, den Kindern zu helfen, mit dem Problem ihrer Wahrnehmungsraster fertigzuwerden. Sie sollten die emotionalen und Handlungsaspekte ihrer Einstellungen erfassen und lernen, daß Anderssein nicht immer bedrohlich sein muß, daß vielmehr die fremde Existenz(form) eine mögliche Bereicherung der eigenen bedeutet. In erzieherische Leitlinien transponiert hieße das:

  • keine Trennung zwischen innen und außen
  • keine polariserenden Gegenüberstellungen
  • keine Ausgrenzungen des Andersseins, des Anderen, Fremden
  • Erfahrungen sind wichtiger als gelernte Daten
  • Vermittlung von Spielraum und Fähigkeiten, diesen zu nutzen

Da es um einen Wandel der sozialen Einstellung geht, bedarf es langfristiger Bemühungen und eines entsprechenden Spiel(!)raums, um neue Strukturen vorzubereiten.

 

 

 4. Eine notwendige Voraussetzung: die Erziehung der Erzieher

Für den gegenwärtigen Zustand sind wir verantwortlich. Diese Gesellschaft haben wir geprägt. Jede Änderung muß daher auch bei und beginnen. Allerdings sehe ich da ein großes Problem: die Erzieher und Forscher selbst.

Für viele der 'vergleichenden' Untersuchungen in den Sprach- und Kulturwissenschaften macht man die Beobachtung, daß sie nur allzu oft mit der Gegenüberstellung von 'Differenzen', 'Unterschieden' enden. Ich habe vorhin schon über unsere Wahrnehmungsmuster gesprochen, die auch hier wirken. Ins Auge fällt die Abweichung, der Publikation wert ist nur diese 'Anderssein'. Nun will ich nicht leugnen, daß es solche Unterschiede gibt. Doch zumindest pädagogisch gesehen ist es sehr schädlich, wenn eine Gesellschaft wie Japan fortlaufend und hartnäckig ihre Besonderheiten betont. Darüber werden die vielen Gemeinsamkeiten, die uns verbinden und die unabdingbare Voraussetzung jeder Kommunikation sind, verschüttet. Da wir möglichst ein faßbares Resultat wollen, werden unsere - eigentlich sehr komplexen - Objekte statisch gemacht, vereinfacht, reduziert. Am besten ist eine Opposition von schwarz und weiß. Doch ist z.B. jede Aussage über Japaner und Europäer/Amerikaner schon mit der Wahl dieser Gegenstände falsch, weil sie eine falsche soziale Homogenität vortäuscht. Oder um ein Beispiel aus der Welt der Erziehung zu geben: Die Komplexität des westdeutschen Erziehungssystems macht jeden Vergleich mit dem japanischen zur Illusion. Selbst deutsche Stellen, die sich damit fachmäßig beschäftigen, kamen über eine Broschüre "Introduction into the Confusion of the German Education System" nicht hinaus.

Solche Tendenzen zur Reduktion und Idealisierung ferner Länder sind auch im Abendland häufig. Denken wir nur an das romantische Bild der Südsee im 18. Jahrhundert. Ich erinnere mich auch noch sehr gut an Chinabild deutscher Studenten während der sechziger Jahre. Oder um ein Beispiel aus der japanischen Erziehungsdiskussion anzuführen: unablässig werde ich von japanischen Pädagogen auf die sogenannte Steiner-Schule angesprochen, die - selbst in der BRD ein Sonderfall - dank ihrer Ferne utopische Züge angenommen hat. Ich habe in Europa keine vergleichbare Zahl von Büchern aus dem Bereich des Kulturvergleichs (Hikaku Bunkaron) gesehen wie in Japan: Die Japaner und die Deutschen, Die Japaner und die Juden, die Amerikaner, die Briten etc. etc. Die meisten dieser Machwerke schaffen oder verstärken Stereotype und führen genau in die falsche Richtung. Wenn alle anderen anders sind als ich, komme ich leicht zu dem Schluß, ich sei 'unique'. Und von dort zum Chauvinismus ist es nur noch ein kleiner Schritt. Die Kommunikation mit Ausländern, die eventuell ihrerseits gleichartige Vorstellungen von Japanern und sich niemand mehr der Mühe der Metakommunikation unterzieht.

Bei einem solchen Vorgehen führt die Analyse eher zur Zertrümmerung als zur Zergliederung des Untersuchungsobjektes:

  • die Vergleichsobjekte werden nach Interesse ausgewählt
  • zwischen komplexen Systemen werden nur punktuelle Vergleiche durchgeführt
  • Dynamische wird statisch
  • das Selbst wird universeller Fixpunkt und Maßstab
  • Form und Funktion/Inhalt werden vermischt
  • quantative Unterschiede werden zu qualitativen Unterschieden
  • Reibungspunkte werden oft emotionalisiert

Problematisch scheint mir auch die Vorbereitung der Erzieher. Pädagogen haben die Wirklichkeit im wesentlichen nur als didaktisch vermittelte Wirklichkeit erfahren, d.h. sie haben das Wissen, das sie in den Institutionen weitergeben, primär nicht aus eigenen gesellschaftlichen Erfahrungen, sondern wiederum durch den Besuch von Erziehungsinstitutionen erworben. Ich halte es für unbedingt notwendig, daß sich Erzieher in inner- und interkulturelle Situationen begeben. Gesellschaftliches Lernen muß in der Gesellschaft erfolgen. Fragen dieser Komplexität erfaßt man nicht aus Büchern, ebenso wenig wie man für das Handeln in bestimmten Situationen lehrbuchartige Anweisungen zu geben vermag. Ein zweisemestriges Auslandsstudium sollte jedem abverlangt werden, der sich den genannten Aufgaben zu stellen wagt. Pädagogen geraten außerdem häufig in die Versuchung, die Erziehung zu monopolisieren. Tatsächlich aber werden sie z.B. bei 'Rückkehrer-Kindern' mit ihrem verwirrenden kulturellen Hintergrund ziemlich viele Fehler machen, weil es ihnen unmöglich ist, diese Sozialisation nachzuvollziehen.

Die Schwierigkeiten liegen insgesamt jedoch weniger in der Forschung als in der Durchsetzung von Konsequenzen, die man als sinnvoll erachtet. Dies setzt eine bislang unbekannte Flexibilität des Systems voraus. Inter- und intrakulturelle Erziehung müssen als Erweiterungsmöglichkeit in die Fächer einbezogen, nicht gegenübergestellt werden. Man muß von konkreten Fragen ausgehen, von denen nur die wenigsten als Kapitel in einem Lehrbuch vorstellbar sind, obwohl es eine Reihe von Kapiteln im Lehrbuch gibt, die in dieser Richtung wichtig werden.

Eine geographisch wie zeitliche Bestimmung der eigenen Position wird zudem unumgänglich. Japan ist ein asiatisches Land mit einer historischen Schuld, die auch 40 Jahre nach Kriegsende keineswegs abstrakt wurde. Erziehung zum zwischenmenschlichen Verständnis bedeutet stets auch Erziehung zur Friedfertigkeit. Hierbei darf man sich auch nicht darauf beschränken, die eigenen Wunden vorzuweisen und darüber die der anderen zu vergessen. Die Verständigung mit den Opfern, deren Angehörigen und Nachkommen setzt ein scharfes Erinnern voraus. Vergessenwollen verstärkt nur das Mißtrauen. Eine gründliche historische Schulung der Lehrer wie Schüler ist ein unverzichtbarer Schritt, der schon längst hätte getan werden sollen. Sie müssen gleichermaßen zur Verantwortlichkeit des Individuums erzogen werden, imstande sein, ihr Denken und Handeln zu reflektieren und relativieren.

Die Befreiung der japanischen wie auch der deutschen Gesellschaft hätte eigentlich von innen kommen sollen, aber sie mußte von außen herangetragen werden. Wirklich Neues kommt jedoch nur aus einer inneren Befreiung. Diese setzt jedoch voraus, daß wir darüber nachdenken, was uns unfrei macht.

 

 

 Literatur

  • V. Ahren, C.B. Melchers, W. Seifert, W. Wagner: Das Lehrstück Holocaust. Zur Wirkungsspychologie eines Medienereignisses. Westdeutscher Verlag, Opladen 1982.
  • H. Becker, C. Nadelmann: Psychoanalyse und Politik. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1983.
  • A. Mitscherlich: Die Vorurteilskrankheit. In: Psyche, XVI, 1962.
  • A. Ostermann, H. Nicklas: Vorurteile und Feindbilder. München 1976.

 

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