Buchbesprechung OAG Notizen, Nr. 11, 1999, S. 25-30


Wolfgang Michel: Von Leipzig nach Japan. Der Chirurg und Handelsmann Caspar Schamberger (1623 - 1706). München: iudicium 1999. Eine Veröffentlichung der Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens, (OAG) Tokyo. ISBN 3-89129-442-5. 304 Seiten, zahlreiche Indizes.
Josef Kreiner

Um es gleich vorweg zu nehmen: Auf das Erscheinen dieses Buches habe ich lange und ungeduldig gewartet. Als ich es endlich m den Händen hielt, habe ich es an einem Nachmittag - alle andere Arbeit blieb liegen - in einem Zuge durchgelesen und bin sicher, daß ich es noch viele Male nicht nur lesen, sondern auch studieren und zitieren werde. Wolfgang Michel hat in der wissenschaftlichen Aufarbeitung deutsch-japanischer Beziehungen neue Maßstäbe gesetzt. Er hat aber auch ein lesbares, spannendes Buch geschrieben, das ich jedem bestens empfehle, der sich für die historischen Kontakte zwischen unseren beiden Ländern und Kulturen interessiert.

Bei offiziellen Gelegenheiten wie Staatsbesuchen oder Festansprachen werden von Vertretern Japans wie Deutschlands immer wieder Namen wie Engelbert Kämpfer oder Philipp Franz von Siebold, vielleicht auch noch Erwin Baelz, Mori Ogai oder einer der vielen deutschen o-yatoi gaikokujin (Ausländer im Dienste der Meiji-Regierung) bzw. japanischen Studierenden an deutschen Universitäten bemüht, um ein besonders enges Verhältnis zwischen den beiden Ländern/Völkern zu beschwören.

Zwei Dinge werden dabei völlig übersehen: Zum einen gelten zumindest die beiden Erstgenannten, Kämpfer und Siebold, in Japan wie in der übrigen Welt meist als Holländer - sind sie doch im Dienste der VOC (Vereinigte Ostindische Handelskompanie) bzw. des niederländischen Kolonialministeriums nach Japan gekommen. Siebolds bekannteste Japansammlung liegt in Leiden, seine Japanwerke sind in Leiden verlegt worden. Kämpfers Nachlaß liegt im British Museum und in der British Library - daher der verwunderte Ausspruch eines auch in der Japanforschung bekannten Botschafters des U.K.: "Isn't he [= Kämpfer] British?" Auch in der Phase der Modernisierung Japans Ende des 19. Jahrhunderts waren neben Deutschen zahlreiche andere Europäer und Amerikaner in Japan tätig und haben ihre Spuren selbst in Gebieten hinterlassen, die gemeinhin als "deutscher Einfluß" angesehen werden wie etwa Recht, Medizin oder Militärwesen.

Auf der anderen Seite wird vergessen, daß die japanischen Kontakte mit Deutschland - oder besser: dem mitteleuropäischen Raum, denn eine genaue Abgrenzung dessen, was Deutschland ist, fällt oft schwer - sehr viel breiter und auch älter sind, als es die wenigen, immer wieder genannten Arbeiten vermuten lassen. Schon auf den portugiesischen Galeonen des 16. Jahrhunderts waren viele Deutsche als "Spezialisten" wie Navigationsoffiziere, Schiffszimmerleute und Kanoniere nach Asien gekommen[1], vielleicht sogar bis Japan, wenn wir auch ihre Namen nicht kennen. Auch die Niederländer - bis 1648 noch gar nicht als unabhängiger Staat anerkannt und in Rebellion gegen Habsburg und das Reich begriffen, brauchten "ausländische" Besatzungen und Fachleute für ihre Asienfahrten. Deutschland als wirtschaftlich zurückgebliebenes Gebiet, zerissen in Religionskämpfen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, stellte den Großteil der im 18. Jahrhundert fast ein Drittel aller "Indienfahrer" ausmachenden nicht-holländischen Besatzungen.[2] Im 17. Jahrhundert für die keine Heuer-Listen vorliegen, müssen es noch mehr gewesen sein. Die zahlreichen Deutschen unter den Direktoren der Faktorei auf Dejima im Hafen von Nagasaki, aber auch unter den Faktorei-Ärzten, beweisen, daß für diese Deutschen Batavia nicht immer Endpunkt ihrer Indienfahrten gewesen ist.

Von der Forschung sind die bekannteren unter den frühen "Japan-Deutschen" schon seit den 1930er Jahren zum Gegenstand von Untersuchungen und kleineren Veröffentlichungen gemacht worden.[3] Vor allem sind jene des öfteren zitiert, die schriftliche Berichte über ihre Japan-Erlebnisse und -Eindrücke hinterließen oder in der japanischen Geschichte Spuren hinterlassen haben. Caspar Schmalkalden etwa mit seinen Die wundersamen Reisen des Caspar Schmalkalden nach West- und Ostindien 1642-1652 (neu hg. von Wolfgang Joost, Leipzig 1983) oder die ganze Reihe jener, deren Berichte L'Honoré Naber als Reisebeschreibungen von deutschen Beamten und Kriegsleuten im Dienste der niederländischen West- und Ost-indischen Kompagnien 1602-1797 in neun Bänden 1930 bei Martinus Nijhoff, Den Haag herausgegeben hat (darunter Johann Jacob Merklein als Japan-Fahrer). Noch andere könnten genannt werden. Für jene, die für Japan wichtig wurden, steht der Name des Kanoniers und Geschütz-Gießers Wolfgang Braun, der für den dritten Shôgun Iemitsu Mörser goß und in Edo vorführte.[4]

Bei all diesen bemühten Forschungen und Publikationen fehlt mir eigentlich immer die Auseinandersetzung mit den Gründen dieser Männer, die sie in die Dienste der VOC trieben, d. h. mit dem geschichtlichen Hintergrund ihrer deutschen Heimat. Das gilt auch für die Zeit nach ihrer Rückkehr. Bei Kämpfer kennen wir die mißlichen Umstände seiner Anstellung als Leibarzt seines Landesherrn zur Genüge, auch seine ehelichen Schwierigkeiten. Jedenfalls wissen wir einigermaßen Bescheid über die Ursachen, die ihn an der gründlichen und zielstrebigen Aufarbeitung des in Japan gesammelten Materials hinderten. Aber schon über die Wirkungsgeschichte von Kämpfers History of Japan gab und gibt - trotz Peter Kapitzas Aufklärungen über diesen Fragenkomplex[5] - die merkwürdigsten Behauptungen. Für all die anderen aber ist von der bisherigen Forschung zu diesen wichtigen, ja entscheidenden Fragen soviel wie nichts beigebracht worden Meine Erklärung dafür ist einfach die, daß Japanologen und mehr noch natürlich japanische Historiker zwar jede japanische Quelle um- und umdrehen, auch jedes Wort, das zu Japan in den deutschsprachigen Berichten geäußert wurde, akribisch genau notieren, aber das deutsche Material, d.h. die historischen Quellen in den Heimatorten der behandelten Japan-Fahrer, sträflich vernachlässigen. So entsteht ein Eindruck, als seien diese Männer wie Kometen von irgendwoher in Deutschland in Japan erschienen und wären nach Niederschrift ihrer Japan-Berichte wieder im Nichts verschwunden.

Und nun kommt Wolfgang Michel und zeigt uns allen, wie es gemacht wird! Zwar ist der Name des "Chirurgen" Caspar Schamberger der 'bisherigen Forschung wohl bekannt gewesen. Vor allem als Begründer einer angeblich ersten europäischen "Schule" der Chirurgie in Japan, der sogenannten Caspar-ryûgeka, wird Schamberger immer wieder genannt. Aber wer er wirklich war und was aus ihm nach seiner Rückkehr nach Deutschland geworden ist, das blieb terra incognita. Michel aber kann auf Grund höchst beeindruckender Quellenforschung in Leipzig, der Heimatstadt Schambergers, ein mitreißendes Gemälde entwerfen: Er beschreibt die Verhältnisse in der Stadt Leipzig während der Wirren des Dreißigjährigen Krieges, die oft handgreiflich werdenden Streitigkeiten zwischen den Badern und Babieren - und findet plötzlich Dokumente zum Studium, über die Ausbildung und die Lehr- bzw. Wanderjahre des jungen Caspar Schamberger! Zum ersten Mal wird hier von Michel auf Grund seines immensen Wissens über die europäische und japanische Medizingeschichte verständlich gemacht, wie wenig sich damals beide Wissenschaftstraditionen unterschieden und was konkret ein europäischer "Chirurg" seinen japanischen Kollegen voraus hatte.

Schambergers Japanfahrt 1649 fällt in eine Zeit erheblicher Schwierigkeiten in den holländisch-japanischen Beziehungen (Westfälischer Friede mit Spanien/Portugal, Taiwan-Zwischenfälle, De Vries-Expedition in den Nord-Pazifik). Die Überfahrt von Batavia nach Nagasaki macht Schamberger auf der "Robijn", die auch den Sondergesandten Blockhof an Bord hatte, schon schwer krank vor der Abfahrt, von dem man erwartete, ja geradezu erhoffte, er werde die Ankunft in Japan nicht erleben - damit konnte man den Japanern einen Gesandten präsentieren, der für die Wiederherstellung freundlicher Beziehungen sein Leben aufgeopfert hatte (Sarg und Trauerkleidung hatte man vorsorglich schon an Bord genommen). Die Einzelheiten dieser Tragikomödie breitet Michel ebenso vor uns aus wie die großen europäischen Zusammenhänge der niederländischen Japan-Beziehungen, die dahinterstehen.

Damit nicht genug: Wenn ich im Vorhergegangenen schrieb, die bisherige Forschung hätte sich mit der Erfassung der japanischen Quellen begnügt, so beweist nun Michel mit seimer detaillierten Forschung über das Wirken Schambergers in Edo als Berater und Lehrer des Leibarztes von Minister Inoue Mino-no-kami Masashige, daß diese Beschäftigung völlig unzureichend gewesen ist. Die von Michel erschlossenen Quellen und Dokumente lassen vor uns ein völlig neues Bild vom Einfluß dieser "Medizin-Schule", deren Vertreter - wie Kawaguchi Ryôan - und ihrer Werke entstehen. Erneut wird durch Michels Funde bewiesen, wie viele wichtige Quellen in Japan noch immer ans Licht gebracht werden können, wenn man sich mit Überzeugungskraft, aber auch Bescheidenheit und Aufrichtigkeit das Vertrauen der Familien erwerben kann, die über Jahrhunderte hinweg Schriften, Genealogien, Tagebücher und Aufzeichnungen ihrer Vorfahren bewahren.

In Leipzig liegen viele dieser Quellen im Stadtarchiv: Michel hat sie befragt und kann uns auf Grund dieses Materials den Lebenslauf Schambergers in Leipzig nachzeichnen: Schambergers Eheschließungen, seine König-Salomon-Apotheke in der Grimmaischen Gasse, seine Gärten am Stadtrand (und die Gerichtsstreitigkeiten mit Nachbarn um das Wasser der Teiche) und schließlich seine Kinder und Kindeskinder. Ein Sohn, Johann Christian Schamberger, war Mediziner und Rektor der Leipziger Uversität - so versteckt kann das Material gar nicht gewesen sein, und trotzzdem hat sich bisher niemand darum gekümmert. Selbst ein Porträt Schambergers hat Michel gefunden!

Nun kann sich niemand mehr auf das Fehlen lokaler deutscher Quellen berufen, wenn er frühe Japan-Deutsche behandelt. Ein Standard wurde gesetzt, an dem sich jeder messen lassen muß! Ich hoffe nur, daß das Beispiel Schule macht: Zacharias Wagener, Andreas Cleyer, Georg Meister und viele andere warten auf eine ähnlich ausführliche Beschreibung ihres Lebens und Wirkens. Michel hat manche wertvolle Ergebnisse seiner Arbeit auch zu anderen Japan-Deutschen schon in der Zeitschrift seiner Universität der Dokufutsu Bungaku Kenkyu der Kyushu Universität veröffentlicht. Bevor er sich jedoch diesen Arbeiten weiter zwendet, erhoffe ich von Wolfgang Michel noch den zweiten Band zu Caspar Schamberger, die medizingeschichtliche Bearbeitung der von ihm entdeckten Quellen zur Wirkungsgeschichte der Caspar-ryû-geka, der "Chirurgie nach Caspar" im Japan der frühen Edo-Periode. Und wünsche ihm die Auffindung der Handschrift von Schambergers "Japanischer Reißbeschreibung", von der Michael Bernhard Valentini 1704 schrieb.

Alles in allem ein höchst erfreuliches Lesevergnügen, ein wertvoller Beitrag zur Geschichte der deutschjapanischen Beziehungen sowie ein neuer Standard der Aufarbeitung japanischer Wissenschafts(Medizin)-geschichte, zu dem ich den Verfasser und die OAG als Herausgeberin beglückwünsche.


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[1] Z. B. bei Marie Antoinette Petronella Meilink-Roelofsz: Asian Trade and European Influence in the Indonesian Archipelago between 1500 and about 1630, s'Gravenhage: Martinus Nijhoff 1962, S. 129.
[2]Siehe Carl Steenstrup: Scandinavians in Asian Waters in the 17th Century. On the Sources for the History of the Participation of Scandinavians in Early Dutch Ventures to Asia. In: Acta Orientalia No. 43, 1982, S. 69-83.
[3] Vgl. etwa H. von Schulz: Bibliographische Forschungen zur japanischen Kulturgeschichte im Japaninsstut zu Berlin, in: Japanisch-Deutsche Zeitschrift N.F. Jg. 1, Seite 44-56, 78-84, Berlin 1928/29; ergänzt bei Josef Kreiner: Deutschland Japan. Die frühen Jahrhunderte, in: J. Kreiner, hg: Deutschland - Japan. Historische Kontakte, Bonn: Bouvier 1984, Seite 1-53.
[4]Zu Braun siehe etwa bei Josef Kreiner: Deutsche Spaziergange in Tôkyô, München: iudicium 1996, mit weiteren Literaturhinweisen.
[5] Peter Kapitza: Engelbert Kaempfer und die europäische Aufklärung Zur Wirkungsgeschichte seines Japanwerkes im 18. Jahrhundert, in OAG, hg.: Engelbert Kaempfers Geschichte und Beschreibung von Japan. Beiträge und Kommentar, Berlin-Heidelberg-New York: Springer, 1980, S. 41-63.

(Prof. Dr. Josef Kreiner, Universität Bonn)

 

 

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9.2.2000

 Brabbel, brabbel, das Ganze gut gemischt
Die Rezepte des Pioniers der japanischen Chirurgie litten unter der Übersetzung

Wolfgang Michel widerlegt den Mythos eines zur Edo-Zeit (1600-1868) hermetisch abgeriegelten japanischen Staates und analysiert das aufklärerische Potential hier unter dem Begriff "Hollandlehre" eingeführten astronomischen, nautischen, geographischen, künstlerischen, waffentechnischen und -- am Beispiel des Lebens und Wirkens des Chirurgen Caspar Schamberger (1623 bis 1706) in Japan -- medizinisch-pharmazeutischen Disziplinen. Bei gleichzeitiger Kontrolle der Handels- und Informationsströme fand "auf bestimmten Gebieten eher eine Ausweitung" statt. Als Kontaktbörse mit Europa, als Umschlagplatz für Wissen und Waren, diente die der Bucht von Nagasaki vorgelagerte künstliche Insel Deshima.

Im Pestjahr 1637 beginnt Schamberger in Leipzig eine chirurgische Lehre, anno 1640 erhält er die Dismission. Seine Lehr- und Wanderjahre sollten den vor den Wirren des dreißigjährigen Krieges fliehenden Sachsen zunächst nach Hamburg, Danzig, Schweden, Danemark und die Niederlande führen. Hier bewirbt sich der junge Mann als Schiffschirurg bei der Ostindischen Kompanie (VOC). 1643 sticht Schamberg auf dem Admiral-Schiff "Eiland Mauritius" von Texel aus in See, um nach überstandenen Epidemien und Meutereien am Kap der Guten Hoffnung Schiffbruch zu erleiden. Die Weiterfahrt nach Batavia erfolgl auf einem anderen Schiff. Von Batavia und dem Stützpunkt Zeelandia auf Formosa aus begleitet Schamberger als Schiffsbarbier Handelsfahrten und kriegerische Expeditionen. 1649 wird im Zuge der turnusmäßigen Rotation eine neue Faktoreibelegschaft zum japanischen Stützpunkt nach Deshima beordert.

Nach Vertreibung von Spaniern und Portugiesen besaß die eher kapitalistisch als katholisch eingestellte VOC in Japan das europäische Handels- und Nachrichtenmonopol. Neben Seidenstoffen, Baumwoll- und Wollwebwaren, Gewürzdrogen, Heilmitteln, Farbstoffen, Zucker und Hölzern hatten die "Rotschöpfe" den weltpolitisch interessierten japanischen Behörden ein regelmäßiges "Schreiben über das aus Holland gehörte" abzuliefern. Schamberger arbeitete von 1649 bis 1651 in Japan. Der Aktionsradius des Faktoreiarztes war beschränkt, nur angelegentlich zweier Feste sowie zu Antritts- und Abschiedsbesuchen durften die Europäer ihre fächerförmige Insel verlassen.

Doch Schamberger durfte im Gefolge des Faktoreileiters zweimal an der jährlich stattfindenden Hofreise über die Inlandsee und entlang der "Ostmeerstraße" von Kioto nanh Edo (heute Tokio) teihnehmen. In Edo therapierte er wichtige Männer des Reiches. Kein europäischer Chirurg vor und nach ihm durfte so lange -- insgesamt dreizehn Monate -- in Edo bleiben. Der über diese Aktivitäten erfreute Shogun ließ Schambergers Aufenthalt verlängern und mehrere Hofärzte anweisen, dessen Kunst zu erlernen. Die Landesfürsten und lokalen Gouverneure entsandten ihrerseits Ärzte zur Schulung bei Schamberger und seinen Nachfolgern nach Nagasaki und bestellten bei der Kompanie chirurgische Instrumente, Kräuter und Medikamente. Auch das gegen die Verbreitung christlicher Schriften erichtete Einfuhrverbot von Büchern wurde bei "nützlichen" medizinischen Titeln laxer gehandthabt. Die Berichte, die der Dolmetscher Inomata Im Auftrag der Nagasaki-Gouverneure von Schambergers Taten, Kuren und Operationen erstelle, verbreiteten sich über Hof- und Leibärzte und deren Schüler bis in die Lehen.


Der Locus Cocus war für für Japans Ärzte nur ein Jokus. Sie glaubten, alle Pole des Kopfes besser zu kennen als die westlichen Kollegen.
Abbildung aus dem besprochenen Band

Da Inomata aber vergaß, die Zahlen von Heilmischungen auf die in Europa und Japan unterschiedlichen Gewichtseinheiten abzugleichen, rührten die Japaner sie in falschen Mengenverhältnissen an.

1980 tauchte eine erste überprüfbare Abschrift dieser "geheimen Überlieferung medizinischer Rezepte der Holland-Chirurgie" auf. Eine weitere Quelle zur Rekonstruktion der Tätigkeit Schambergers sind die Tagebücher des Faktoreileiters von Nagasaki. Als Präsente für den Reichsinpekteur Inou sind hier Miira ("bei Prellungen durch Stürze vom Pferd"), Bernstein ("bei Fieber, Nasen- und Ohrenkälte") oder Opium ("beim Venusspiel stärkt ein wenig davon den Körper") vermerkt. Chirurgie und Anatomie. so Michels These, sind dem traditionell ganzheitlichen asiatischen Denken wesensfremd. Starstich, Steinschnitt, Schädelöffnungen und Amputationen waren wenig verbreitet. Wo Organe weder bei der Diagnose noch in der Therapie eine entscheidende Rolle spielten, bedurfte es keiner Beobachtung der Beschaffenheit von Herz oder Galle. Vielmehr imaginierte die chinesisch beeinflusste Medizin den Körper als Netzwerk von Trakten und Kanälen, in denen die lebensnotwendige Energie "Ki" zirkulierte. Doch die durch Einführung westlicher Feuerwaffen hervorgebrachten neuen Wundtypen erforderten ein Umdenken in den Rehandlungsmethoden. Bei Kopfverletzungen verwandten Schambergers Schüler jetzt Sonden, zum Aufstechen reifer Geschwulste Nadeln sowie Lanzetten zum Auf- und Ausschneiden. Offene Wunden wurden mit gewachsten Hanffäden vernäht, als Verbandsstoff diente Baumwollgewebe. Michel konstatiert ein "bescheidenes Instrumentarium" im Rahmen der westlichen "Niederen Chirurgie". Europäische Anatomiebücher aber wurden erst Jahrzehnte nach Schambergers Abreise in größerem Maße kopiert und rezipiert.

Nach Ende seiner Dienstzeit in Japan betätigte sich Schamberger noch einige Jahre als Schiffschirurg im süd- und südostasiatischen Raum, um schließlich 1655 in sächsische Gefilde heimzukehren. In Leipzig lebte er unter Aufgabe seines gelernten Berufes als geachteter Handelsmann, heiratete dreimal und zeugte zehn Kinder. Vielleicht hätte Michel die folgenden Details aus Schambergers bürgerlichem Leben zugunsten einer -- nunmehr als separaten Publikatin geplanten -- tiefer gehenden medizinhistorischen Analyse hintanstellen sollen. Die Offenlegung der bis dato nur rudimentär bekannten Biographie des Stammvater der "Chirurgie im Stile Caspars" bleibt gleichwohl ein für die Gschichtsschreibung deutsch-japanischer Beziehungen wichtiges Verdienst. Den trotz aller politischen Widrigkeiten und kulturellen Unterschiede durch Pioniere wie Schamberger erfolgten Wissenstransfer, den andere medizinisch tätige Japan-Fahrer wie Engelbert Kaempfer und Philipp Franz von Siebold weiterführten sieht der Autor als Basis für die nach der Landesöffnung rasant einsetzende Modernisierung. Steffen Gnam

Wolfgang Michel: "Von Leipzig nach Japan". Der Chirurg und Handelsmann Caspar Schamberger (1623-1706). Iudicium Verlag, München 1999, 304 S., br. 38.- DM.

 

 

 Lippische Mitteilungen aus Geschichte und Landeskunde 69. Band (2000)


Michel, Wolfgang, Von Leipzig nach Japan. Der Chirurg und Handelsmann Caspar Schamberger (1623 - 1706). München: iudicium Verlag 1999, 304 S., 38.- DM.

Der Verfasser des vorliegenden Buches ist den mit der Forschungssituation des Werkes Engelbert Kaempfer's Vertrauten bestens bekannt; seit Anfang der 80er Jahre publiziert der an der Kyushu-Universität in Japan lehrende Literaturwissenschaftler medizin- und kulturgeschichtliche Abhandlungen über das früh-neuzeitliche Japan, insbesondere zu dessen wissenschaftlich-kultureller Entdeckung durch den Westen, bzw. wissenschaftlich-kultureller Verflechtung mit dem Westen.

Zu nennen sind u.a. die Übersetzung und interpretatorische Einordnung von ten Rhijne's Dissertatio (1989/1990), die Bearbeitung von Cleyer's Sendschreiben vom 20. Dezember 1683 (1991), die Arbeit über frühe westliche Quellen zu Akupunktur und Moxibustion (1993), die Übersetzung und Edition des Moxibustions-Traktates von Buschof (1993) und nicht zuletzt mehrere Arbeiten über Einzelfragen des medizinischen Werkes von Kaempfer sowie schließlich sein Uberblick über den Forschungsstand zum medizinischen Werk von Kaempfer im Sammelband (1993) der Kongreßbeiträge (Lemgo/Tokyo 1990) zu dessen 350. Geburtstag. Dabei kommt Michel neben seinen philologischen Kenntnissen u.a. des Japanischen sein dezidiert in ein kulturhistorisches Rüstzeug eingebettetes medizingeschichtliches Interesse entgegen; beides unterscheidet ihn von der bisherigen Forschung, die noch bis Haberland's Kaempfer-Lebensbild (Von Lemgo nach Japan, 1990; hat Michel hier seinen Titel entlehnt?) von der Tradition der - disziplinensystematisch in der Geographie angesiedelten - sog. Reiseliteratur der Entdecker und Forschungsreisenden bestimmt wurde.

Während der Beschäftigung mit den (auch rein sprachlich gesehen) vielfältigsten Quellen seines Forschungsgegenstandes begegnete Michel auch dem Namen und Werk Caspar Schambergers. Im Unterschied zu den im Japan des 16. - 18. Jahrhundert bisher von der (Wissenschafts-) Geschichtsschreibung im Vordergrund beachteten Figuren war Schamberger aber kein akademisch gebildeter Mann (Arzt, Theologe, ...) oder Kaufmann, sondern ein Vertreter der nicht-akademisch gebildeten mittelalterlich/frühneuzeitlichen Chirurgie.

Nach mehreren Einzelarbeiten veröffentlicht Michel seine Forschungsergebnisse über Schamberger mit dem vorliegenden Band zum erstenmal in monographischer Form.
1623 (27 Jahre vor Kaempfer) wird Schamberger in Leipzig als Sohn eines Weinhändlers geboren; der früh vaterlos gewordene und in den Wirren des 30jährigen Krieges aufwachsende Jüngling wird mit 17 Jahren einem erfahrenen Barbier als Lehrjunge zugewiesen. Nach Lehr- und Wanderjahren bewirbt sich Schamberger als Chirurg bei der Holländisch-Ostindischen Kompanie, wird angenommen und auf drei Jahre in Dienst genommen. 1643 von Holland aus eingeschifft erreicht Schamberger unter schwierigsten Bedingungen (u.a. des andauernden auch mit kriegerischen Mitteln ausgetragenen Konkurrenzkampfes zwischen Portugal, Spanien und Holland) endlich 1649 die Faktorei Deshima vor der japanischen Hauptinsel Kyushu, wo er die nächsten Jahre lebt und arbeitet. Während dieser Zeit behandelt er Patienten (aus der Faktorei und zu ihm gebrachte Japaner, vor allem höhergestellte Personen) und - was für seine Wirkung und seinen Nachruhm in Japan noch entscheidender werden sollte - er unterrichtet u.a. am Hofe des Shogun in Edo, wohin er zweimal reist und längere Zeit bleibt, Japaner in den Künsten der zeitgenössischen handwerklichen europäischen Chirurgie. Nach etlichen im Dunkeln liegenden Jahren, die er im ostasiatischen Raum als Schiffschirurg verbringt, kommt Schamberger 1655 wieder nach Leipzig zurück, wo er sich als Kaufmann niederläßt und eine Familie gründet. Einer seiner Söhne kann später im Hause des Vaters eine Apotheke errichten, die - so vermutet MicheI - auch von den Handelskenntnissen und Therapeutenerfahrungen des Vaters mit asiatischen Drogen profitiert. 1702 stirbt Schamberger als angesehener Sohn seiner Vaterstadt.

Michel wählt für sein Buch das Stilmittel einer auf Detailergebnisse der historischen Forschung und Querschnittsdarstellungen (z.B. über die Zunft der Chirurgen, Bader und Feldschere und ihre Ausbildungsinhalte, über die politische Struktur Japans zur Zeit Schambergers, über das Leipzig der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts) gestützten literarisch ambitionierten Lebensbeschreibung seiner Hauptfigur und erreicht in dieser Mischung von z.T. auch locker formulierten biographisch gehaltenen und von stärker historisch berichtenden, bzw. reflektierenden Teilen das Ziel der Beschreibung eines Lebensbildes bei vergleichsweise spärlicher biographischer Quellenlage.

Was Michels Buch über seinen Anschauungswert eines Zeitbildes hinaus lesenswert macht, ist der reich-gelehrte - häufig auf eigene Forschungsergebnisse zurückgreifende - Apparat, der auch für die Kaempfer-Forschung nutzbringend erscheint; so finden wir hier außer den in der Regel bisher unbekannten 55 Abbildungen ein deutschjapanisches Glossar wichtiger japanischer Ämter neben einer tabellarischen Auflistung der Faktoreileiter und des medizinischen Personals von Deshima zwischen 1609 und 1700.

Michel vollzieht mit dem vorliegenden und mit dem im Vorwort angekündigten Buch (über die Fortentwicklung der von Schamberger in Japan angestoßenen Rezeption der europäischen Chirurgie "im Stile Caspars", die später zum Kern der "Hollandkunde" aufstieg) einen mehrfachen - auch medizinsoziologisch interessanten - Fokuswechsel der historischen Betrachtung: von der akademisch gebildeten zur handwerklichen Medizin und von den "Rotschöpfen" (Europäer) auf die Japaner selbst. Damit rückt mehr und mehr der "medizinische Alltag", die Kooperation beider Klassen medizinischer Ausbildung und die Vermischung von Handlungs- und Wissenselementen der beiden verschiedenen Kulturen in den Vordergrund, auf den auch die von Michel geplante Herausgabe der Tagebücher und medizinischen Notizen Engelbert Kaempfers (Collectanea Japonica der Sloane Collection des British Museum) ein neues Licht werfen wird.

B. Schmincke

 

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