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Wolfgang Michel: Kaempfers Japan und Dohms Kaempfer [Kaempfer's Japan and Dohm's Kaempfer]. In: Sabine Klocke-Daffa; Jürgen Scheffler; Gisela Wilbertz (Hg.) Engelbert Kaempfer (1651-1716) und die kulturelle Begegnung zwischen Europa und Asien [Engelbert Kaempfer and the Cultural Encounter of Europa and Asia]. Veröffentlichungen des Instituts für Lippische Landeskunde. Lippische Studien. Forschungsreihe des Landesverbandes Lippe, Band 18, Lemgo, 2003, pp.211-243.
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Kaempfers Japan und Dohms Kaempfer


Wolfgang Michel

 Wege nach Fernost

Unter den veröffentlichten Schriften Engelbert Kaempfers (1651-1716) erzielte das Japanwerk die stärkste Wirkung. Es ist daher verständlich, daß man ihn gerne als Japanforscher, als Japanreisenden ettiketiert. In der Retrospektive wirkt Kaempfers Lebensweg wie ein großer, gen Osten gezogener Bogen. Ein gesetztes Ziel scheidet Reisen vom Umherstreifen, Herumtreiben. Doch so ungern man sich eingedenk der Kaempferschen Lebensleistung mit diesem Gedanken anfreunden möchte, von Zielgerichtetheit und langfristiger Perspektive kann in den Jahren zwischen 1681 und 1693 nur bedingt die Rede sein. Für einen Mann seines sozialen Hintergrundes und Alters wäre an der Zeit gewesen, der sich anbahnenden zweiten Lebenshälfte eine solide Basis zu verschaffen. Die schwedische Gesandtschaftsreise zum persischen Hofe, an der er als Legationssekretär teilnahm, ist da als Vorbereitung auf eine mögliche Karriere in Upsalla erklärbar. Doch danach dominierte das Reagieren über das Agieren. Allerlei, teils zufällige Kräfte und Situationen wirkten auf ihn ein, die als Resultante zu einer West-Ost-Bewegung führten, ohne daß Fortuna ihm zulächeln mochte.[1]

Im Oktober 1689 erreichte er Batavia, den auf Java liegenden Hauptstützpunkt der niederländischen Verenigden Oostindischen Compagnie (VOC). Hier residierten ein mächtiger Generalgouverneur, und nicht nur die Mitglieder des Rats von Indien und anderer wichtiger administrativer Positionen hatten es zu Wohlstand und Einfluss gebracht. Kompanieschiffe mit Waren und Informationen aus Europa und den niederländischen Handelsstationen von Persien bis Japan lagen auf der Reede. Die seit Jahrhunderten in Südostasien und auch in Batavia lebenden chinesischen Kaufleute mit ihrem weitgespannten Netzwerk hatten ein eigenes Stadtviertel und steuerten in einer komplexen Symbiose mit den Europäern das Ihrige bei.[2] Die reiche Flora und Fauna der südostasiatischen Inselwelt lockten zur Erkundung. Eine neue Welt tat sich für Kaempfer auf, und sicher keimten vielerlei Hoffnungen. Daß man ihm weder die vakante Stelle des ersten Arztes noch die des Apothekers im Festungshospital gewährte, schreibt Kaempfer dem Generalarzt, gemeint ist Adriaan Strijkersberg,[3] zu. Doch dessen Entscheidung ist durchaus verständlich. Denn gewöhnlich unterzog die Kompanie in Amsterdam ihre Chirurgen vor der Anstellung einer Prüfung.[4] Kaempfer hatte man hingegen in Persien „aufgelesen“, und als Schiffschirurg im indischen Raum fehlte die Gelegenheit zu aufsehenerregenden Leistungen. Was sollte ihm den Vorzug vor anderen Bewerbern gegeben haben? Kaempfer war, wie er dem gelehrten Amsterdamer Bürgermeister Nicolaas Witsen klagte, ein Fremdling „mit ungewappneter Stirn“, ohne Anwalt seiner Sache.[5] Dennoch gedachte er, in Batavia zu bleiben. Allerdings trieben in Süd- und Südostasien fähige Männer ihre Forschungen voran, so daß wenig Raum blieb, um zu einem großen Schlag auszuholen. Erst jetzt geriet Japan in sein Blickfeld. Zuguterletzt wurde ihm von Gönnern ein Weg gewiesen, der Pioniertaten jener Qualität ermöglichte, mit der sich Kompanie-Gelehrte wie Eberhard Rumpf, Willem ten Rhijne, Hermann Paul, Adriaan van Rheede tot Drakensteen oder auch Andreas Cleyer einen Namen erwarben.

 

 

 Erkundungspläne

Daß Kaempfer während der zwei Jahre in Nagasaki eine erdrückende Fülle von Materialien über Land und Leute anhäufte, wirkt angesichts der späten Hinwendung zu Japan erstaunlich. Man ist geneigt, dies einer besonderen Begabung zuzuschreiben, die sich in den langjähriger Reisen ausentwickelte. Gerade, daß er nicht wie üblich per Schiff von Europa nach Batavia gesegelt war, gereichte ihm nun zum Vorteil. Sein Blick für die Mannigfaltigkeit menschlicher Kultur und ihrer Bedingungen war geschärft. Er hatte gelernt, zu beobachten, zu vergleichen, zu beschreiben. Auch hatte er schlimme Lagen geduldig ertragen, was dem Leben auf der engen Handelsstation in Japan etwas an Schärfe nahm. Er brachte ein besseres Rüstzeug nach Nagasaki mit als die meisten zeitgenössischen Japanfahrer.

Dennoch bleiben in diesem Bild unscharfe Konturen. Kaempfer war nicht der erste Europäer in Japan. Nach nahezu eineinhalb Jahrhunderten eurojapanischer Begegnungen stand in abendländischen Regalen eine beachtliche Zahl von Publikationen, in die er 1689 wohl gerne einen Blick geworfen hätte. Was wußte man über Japan, was nicht? Wo gab es Kontroversen? Dazu kamen Fragen zu den geplanten Erkundungen. Wie sah es mit den Arbeitsbedingungen aus? Mit welchen Materialien konnte er rechnen? Was galt es vorrangig zu erkunden? Wer in Nagasaki konnte ihm dienlich sein? Wovor sollte er sich hüten?

Kaempfers Aufenthalt in Batavia erstreckte sich vom Herbst 1689 bis Anfang Mai 1690. Fernab von europäischen Hochschulen und wissenschaftlichen Gesellschaften wurde ein mit Notizbündeln bepackter Neuankömmling wie er sicher in der Gemeinde herumgereicht. Er bewunderte die Häuser, Gärten, Sammlungen. Batavia war nicht nur der Ausgangspunkt seiner Reise nach Japan. Hier begegnete er Personen, die Japan kannten, doch mehr wissen wollten, der Befriedigung ihrer Neugierde und Ambitionen ebenso zuliebe wie der Entdeckung nützlicher und damit lukrativer Dinge. Hier wurden die inhaltlichen Grundlagen für Kaempfers Forschungsvorhaben gelegt.

Es scheint, daß Kaempfer die Zeit bis zur Abreise im Hause von Andreas Cleyer als Sekretär verbrachte.[6] Der aus Kassel stammende Cleyer, Litentiat der Medizin, war in der Kompanie aus niedersten Rängen zum Festungs- und Stadtapotheker, zum Oberkaufmann und zweimaligen Leiter der Faktorei in Nagasaki und „Rat von Indien“ aufgestiegen und dabei ziemlich wohlhabend geworden. Er hatte sich durch Beiträge für die Ephemeriden der Kaiserlich Leopoldinisch Deutschen Akademie der Naturforscher („Leopoldina“), als Herausgeber des von Jesuiten in Kanton erstellten Specimen Medicinae Sinicae, durch Sendungen von Samen, japanischer Pflanzenzeichnungen und langen Briefen an gelehrte Partner in Europa große Verdienste erworben. Cleyer kümmerte sich nachweislich um in Not geratene Landsleute. Er hatte zusammen mit dem Gärtner Georg Meister die Erkundung der japanischen Pflanzenwelt in Angriff genommen und dürfte mit Nachdruck Kaempfers Blick auf dieses wenig begangene Feld gelenkt haben.

Nicht weniger bedeutsam war Dr. Willem ten Rhijne aus Deventer, Autor der ersten westlichen Abhandlung über die Behandlung von Krankheiten mit Nadeln, die er Acupunctura nannte. Ihn hatte die Kompanie Anfang der siebziger Jahre nach Japan entsandt, weil man glaubte, der Hof verlange nach einem akademisch gebildeten Mediziner. Nicht als Faktoreichirurg wie Kaempfer sondern als eine Art ärztlicher Sondergesandter, der hierzu sogar das Glasblasen erlernen mußte. Nach der Rückkehr nach Batavia untersuchte er den Bergbau auf Sumatra, übernahm das Leprasorium der Kompanie und im Laufe der Jahre allerlei standesgemäße Ämter und Ehrenämter. Ten Rhijne wie Cleyer hatten sich in der Erkundung der Moxibustion engagiert, ein Therapieverfahren, das Kaempfer in Japan weiter verfolgte.[7]

Hervorzuheben unter den Japankennern Batavias ist gleichermaßen Johannes Camphuijs (1634-1695), der im ausgehenden 18. Jahrhundert sogar als Urheber des Kaempferschen Japanwerks gepriesen wurde. Er leitete zwischen 1671 und 1676 dreimal für je ein Jahr die Faktorei Dejima (Deshima) und rückte danach in hohe Positionen der Kompanie auf. Das Landhaus dieses belesenen Sammlers japanischer Kuriositäten lag auf der Insel Eidam in der Nähe der Stadt und war im japanischen Stil errichtet. Im Garten wuchsen seltene Pflanzen, unter anderem ein japanischer Kampferbaum, zudem unterhielt er eine Menagerie mit exotischen Tieren. Als Liebhaber der Botanik förderte Camphuijs den Hanauer Georg Eberhard Rumpf, der trotz schwerster Schicksalsschläge auf der Molukkeninsel Amboin an einem gewaltigen Herbarium Amboinense arbeitete. Angesichts dieser Interessen und Aktivitäten ließ sich Camphuisens Biograph Onno Zwier van Haren im Jahre 1773 zu der Behauptung verleiten, Camphuijs habe Kaempfer seine in über zwanzig Jahren zusammengetragenen Materialien überlassen und ihn nach Japan geschickt, um dort seine eigenen zahlreichen Aufzeichnungen und Entdeckungen zu vermehren. Nun fand Camphuijs in der Tat an Kaempfer Gefallen. Aufzeichnungen zu Pflanzen, die Kaempfer in Camphuijsens Gärten anfertigte, sprechen für enge Kontakte. Doch fast alle Notizen, Exzerpte und Aufzeichungen in der British Library zeigen jedoch die charakteristische Schrift Kaempfers. Wenn er von Gönnern etwas erhalten hatte, dann waren das japanische Bücher, Karten oder Objekte wie Buddhafiguren etc.[8]

Nicht zu unterschätzen ist weiter der Einfluß eines Memorandums[9] mit einer langen Wunschliste aus der Feder des Kompanie-Kaufmanns und studierten Orientalisten Herbert de Jager, das in Kaempfers Nachlaß die Zeiten überdauerte und 1990 auf dem Kaempfer-Symposium in Lemgo von Werger-Klein erstmals vorgestellt wurde.[10] Kaempfer und de Jager hatten sich in Persien kennen- und schätzen gelernt. De Jager wurde 1687 nach Batavia versetzt, zwei Jahre darauf traf auch Kaempfer dort ein. Das Memorandum entstand wahrscheinlich 1690 und war an den Oberkaufmann Hendrik van Buijtenhem gerichtet, der in jenem Jahr zum vierten Mal, gemeinsam mit Kaempfer, nach Nagasaki aufbrach. Buijtenhem hatte zwar großes Interesse an Japan, doch als Faktoreileiter weniger Muse als ein von kaufmännischen Vorgängen ausgeschlossener, eher unterschäftigter Faktoreichirurg. Vielleicht fungierte Buijtenhem ohnehin nur als formeller Adressat, auf daß Kaempfers Aktivitäten offiziell gefördert werden konnten. De Jager hatte sich zu diesem Memorandum von einem Chinesen in Batavia eine Beilage schreiben lassen. Gebildete Japaner konnten chinesische Texte lesen, so daß eine solche Übersetzung den Erwerb der gewünschten Materialien erheblich erleichtern würde.[11] Außerdem lagen einige Blätter mit Silbenschriftmustern bei.

De Jager beginnt mit sprachlichen Fragen, bittet um Informationen zur Aussprache der Silbenzeichen, Schriftproben, ein Glossar von hundert gewöhnlichen Wörtern, Wörterbücher, Abschriften und Übersetzungen von Verträgen, Anschlägen und anderen wichtigen japanischen Papieren, einen japanischen Almanach. Dazu kommen Bücher über „Zeremonien und Zivilitäten“, über Gottesdienste, die Geschichte der japanischen Kaiser, die Regierung der Kaiser und den Hof, über die Wappen und Statuszeichen der Großen des Landes, die Statuten, Ordonantien und Rechte, ein Buch oder Bericht über die Weise, in der die Reichsgroßen und die Botschafter von Korea, Siam usw. am Hofe erschienen und wie sie behandelt würden. Weiter möge man eine Beschreibung der Insel Japan besorgen, dazu eine Beschreibung der Wege und Plätze zwischen Nagasaki und Edo, eine japanische Karte dieser Wege und Plätze, ein Buch oder Informationen über das Land Ezo (Hokkaido), Korea und die anhängenden Regionen mit Karten. Gewünscht werde weiter, so de Jager, ein japanisches Herbarium mit den Abbildungen aller Kräuter des Landes, Samen von Kräutern, dazu ein Zweiglein von jedem mit Blüten, Früchten etc. mit den Namen in niederländischer als auch japanischer Schrift. Einige Dinge werden namentlich hervorgehoben: Kampfer-, Papier- und Lackbaum sowie Ambergris. Am Schluß der mehrseitigen Aufstellung der Wunsch nach allen Münzen des Landes, so goldene, silberne und kupferne.[12]

Es ist ausgeschlossen, daß dies alles persönliche Eingebungen de Jagers waren. Er kannte Japan nicht, gehörte aber offensichtlich jenem Zirkel wissensdurstiger Köpfe an, der im Kontakt zu europäischen Korrespondenzpartnern Asien zu erschließen dachte. Nachweisbar hatte er bei ten Rhijne, Cleyer, Buijtenhem und der Familie Sijmonsz japanische Bücher und andere Materialien gesehen, die ihm zur Spezifikation seiner Wünsche dienten. Einige Bitten gehen auf de Jagers Mentor, den gelehrten Amsterdamer Bürgermeister Nicolaas Witsen zurück. Weiter wird der Rat und Amsterdamer Bürgermeister Joan Huydecopper, Heer van Maarseveen en Neerdijk, genannt, dem Kaempfer dann 1694 wunschgemäß Pflanzensamen aus Japan verehrte. Die Erkundung der japanischen Pflanzenwelt hatte bereits in den siebziger Jahren jenes Jahrhunderts begonnen. Damals schickte die Kompanie auf Anforderung des Shôgun zwei Kräuterkenner nach Nagasaki, und Cleyer entwarf in Batavia eine Aufstellung ostasiatischer Ersatzmittel für europäische Medikamente. Als er und Georg Meister in den achtziger Jahren nach Nagasaki zogen, trieben beide die Erschließung der einheimischen Flora persönlich voran.[13]

Wer mit Kaempfers Sammlung vertraut ist, glaubt bei der Lektüre von de Jagers Memorandums und der chinesischen Beilage ein Verzeichnis des Nachlasses in London zu lesen. Kaempfers Aufzeichnungen wie auch viele Kapitel in den Amoenitates Exoticae und dem Manuskript Heutiges Japan geben Antwort auf die in de Jagers Memorandum aufgeworfenen Fragen. Kaempfer, der vor der Ankunft in Batavia den aktuellen Wissensstand bezüglich Japans nicht überblickte, war in den Monaten vor der Abreise nach Nagasaki in einen Intensivkurs gegangen. Sein Forschungsplan ist nicht das Resultat einer spontanen Eingebung. Er war nicht der hellsichtige Späher, der vor allen anderen auf Japan aufmerksam geworden wäre, sondern baute auf dem Wissen, den Fragen und Materialien einer Reihe von Zeitgenossen auf. Sie wiesen ihm die Richtung. Als er sich im Sommer 1690 auf der Waalstrom nach Japan einschiffte, führte er alte Diensttagebücher der Kompanie sowie ein japanisches Wörterbuch der Jesuiten bei sich und stand im Wort, Bericht zu erstatten.

Dennoch möchte ich Kaempfer nicht zum Instrument batavischer Hintermänner reduzieren. Vielleicht hätte der Adressat des Memorandums, Buijtenhem, aus eigener Kraft Münzen, Bücher und Schriftproben zusammengebracht. Auch Cleyer war einige Jahre zuvor ein bescheidener Erfolg vergönnt gewesen. Doch hätte es keiner der japanischen Dolmetscher gewagt, für solche Faktoreileiter Übersetzungen in größerem Umfang anzufertigen – von der Mühsal und den Risiken einer gemeinsamen Durchsicht und Bearbeitung ganz zu schweigen. Dazu war ein “opperhoofd“ als Repräsentant der Kompanie zu sehr exponiert; hier blieben die Verbote des japanischen Gouverneurs von Nagasaki sicher wirksam. Doch wer in Batavia sollte japanische Materialien auswerten? De Jager, der nur etwas von den Sprachen des Vorderen Orients verstand, war schon bald nach Kaempfers Abreise wunderlich geworden und wenig später eines einsamen Todes gestorben. Die Nachfahren der in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts nach Batavia übergesiedelten Japaner waren assimiliert. Niemand konnte mehr japanische Texte lesen, es sei denn sie waren in chinesischer Schriftsprache verfaßt. Die Texte mußten daher noch in Nagasaki erschlossen werden. Und hier gelang Kaempfer ein Vorstoß wie niemandem zuvor auf der niederländischen Handelsstation in Japan.

 

Abb 1a
Abb. 1a  Stich der Insel Dejima, angefertig nach einer Zeichnung von Gerrit Voogt, der 1698 als Handelsassistent nach Japan kam. Aus Thomas Salmon, Lo Stato Presente die Tutti I Paesi e Popoli del Mondo, Venezia 1760, der italienischen Übersetzung der Hedendaagsche Historie of Tegenwoordige Staat van Alle Volkeren (Amsterdam, 1728). Sammlung W.Michel (Fukuoka).

 

 

 Der japanische Beitrag

An dieser Stelle ist ein Blick auf die Rolle der japanischen Seite angebracht. Die Leiter der Faktorei Dejima mußten einer japanischen Forderung folgendend nach Ablauf eines Jahres zurück nach Batavia. Nur wenige kamen später für einen zweiten oder gar dritten Turnus wieder ins Land. Das gewöhnliche Personal durfte zwar auf dem engen, von einer Mauer eingefaßten Inselchen bleiben, aber auch die Kompanie mochte einen allzu langen Aufenthalt nicht dulden. Da die Ausbildung europäischer Dolmetscher verboten war, hing Kaempfer beim Sammeln von Informationen über Land und Leute vom Wohlwollen der Japaner in seiner Umgebung ab. Doch sein Vorhaben war just das, was japanische Behörden nach Kräften zu verhindern suchten. Der Zufall wollte es, daß man ihm einen Zimmerdiener zuwies, der nicht nur fähig und risikobereit war, sondern auch das Wohlwollen des japanischen Stadtteilvorstehers von Dejima genoß.

Im Manuskript Heutiges Japan preist Kaempfer den jungen Mann, ohne seinen Namen zu nennen. Dessen Identität wurde auf dem von Kreiner 1990 in Tokyo organisierten internationalen Kaempfersymposium anhand einer japanischen Bürgschaftskopie aus Kaempfers Nachlaß wie einer Bemerkung des Faktoreileiters Hendrik Dijkman im Diensttagebuch von 1695 geklärt. Dieser Imamura Gen'emon Eisei (1671-1736) keineswegs unbekannt. Die bis dato unbekannte Begegnung mit Kaempfer revitalisierten das Interesse an diesem fähigen Dolmetscher, und weitere Materialfunde gaben seinem ohnehin eindrucksvollen Lebensbild frische Farben (Abb.2).

1671 als Sohn eines Dolmetschers geboren, ging er wie alle Dolmetschersöhne von Kindheit an in der Handelsniederlassung ein und aus, um sich in die Sprache und Mentalität der Fremden einzuleben. Sein sicher passables Holländisch wurde durch den grammatisch angelegten Unterricht, den Kaempfer ihm erteilte, weiter verbessert. Imamura profitierte nicht wenig von dem zweijährigen Umgang mit Kaempfer, dessen Arbeits- und Denkweise ihn beeinflußt haben müssen. Kein Kompanie-Kaufmann hätte sich so mit seinem japanischen Diener befaßt, und auch unter den Faktoreichirurgen des 18. Jahrhundert war niemand derart engagiert. Drei Jahre nach der Rückreise Kaempfers legte Imamura in Anwesenheit des Faktoreileiters eine Sprachprüfung ab und wurde von japanischen Gouverneur Nagasakis eingestellt. Seine weitere Karriere und die historischen Verdienste sind gut erforscht.[14]

Imamura half Kaempfer auf vielerlei Weise. Nicht nur, daß er die gewünschten Materialien besorgte. Da Kaempfer die Texte nicht lesen konnte, mußte man sie ihm erklären. Dolmetscher und Besucher gaben zu dem einen und anderen Punkt Auskunft, doch Imamura war als Diener tagtäglich in Kaempfers Zimmer, so daß er die Hauptlast trug. Das kostete Zeit, denn oft fehlten passende Vokabeln, und in den Hintergrund so manchen Sachverhalts mußte er sich sicher einarbeiten. Ein Großteil der japanische Schriftzeichen in Kaempfers Japanmaterialien stammt von Imamuras Hand.

Zweifellos hatte dieser den größten Anteil an der Besorgung und Erschließung der Materialien, doch finden sich in Kaempfers Schriften und Notizen weitere Namen, die man nicht vergessen sollte. Narabayashi Chinzan, ein medizinisch ambitionierter Dolmetscher, dessen Handschriften zu Meilensteinen in der Geschichte der westlichen Chirurgie in Japan wurden, hatte Kaempfer in die Geheimnisse des Shugendô eingeweiht, einer synkretistischen Religionsrichtung mit magisch-asketischen Exerzitien. Dank dieser Quelle übertraf Kaempfers Beschreibung in Heutiges Japan sogar die in Religionsangelegenheiten tief eingedrungen Jesuiten des 16. Jahrhunderts. Dem Shintô, den die Jesuiten wohl wegen seiner Zersplitterung, seiner Dieseitsbezogenheit und aus ihrer Sicht dünnen theologischen Fundierung wenig beachteten, schenkte Kaempfer als ursprüngliche einheimische Religion erhebliche Aufmerksamkeit und gar zwei Kapitel seines Japanmanuskripts. Hier halfen neben Imamura der erfahrene Dolmetscher Namura Gonpachi, der sich auch in Kaempfers Stammbuch eintragen durfte, dazu Bata Ichirôbê, sowie der Stadtteilvorsteher von Dejima Yoshikawa Gibuemon. Zu den Vorgängen um die Verlegung der niederländischen Faktorei im Jahre 1641 gab der hochbetagte Dolmetscher Yokoyama Yosôemon Auskunft. Auch die Dolmetscher Motoki Shôdayu, der wie Narabayashi seinen Namen in der Geschichte der japanischen Medizin hinterließ, Motoki Tarôemon und Kafuku Zembê sind in Kaempfers Aufzeichnungen als Informanten erkennbar.[15] Daß er nach Möglichkeit vielerlei Informanten nutzte, demonstriert eine Stelle in seinen botanischen Aufzeichnungen, wo er für die Ginseng-Wurzels drei japanische Namensvarianten angibt:

Imamura erhielt laut Kaempfer eine ansehnliche finanzielle Entlohnung, dazu kam ein methodischer Sprachunterricht. Dolmetschern wie Narabayashi Chinzan oder Motoki Shôdayû waren eher an Instruktionen in westlicher Chirurgie und Pharmazeutik interessiert. Anderen löste der von Kaempfer erwähnte Likör die Zunge. Nicht unterschätzen sollte man auch den Wert des zweijährigen Umgangs mit einem weitgereisten Gelehrten. Die Art wie Kaempfer Japan erschloß, dürfte für alle, die in daran teilhatten, höchst lehrreich gewesen sein. Zudem hörten sie, die zeitlebens ihre Heimat nicht verlassen durften, zwar wenig über Gott, aber eine Menge über die Welt draußen.

Daß Kaempfer in seinem Japanwerk den Namen Imamuras verschweigt, wird in der Kaempferforschung der neunziger Jahre als Ausdruck der Sorge gedeutet, daß die japanischen Behörden seinen Gehilfen wegen der verbotenen Übergabe von Materialien und Informationen zur Rechenschaft ziehen könnten. Doch so geheim blieben die Aktivitäten der tagein tagaus von einer erdrückenden Zahl japanischer Bediensteter umgebenen wenigen Europäer auf Dejima nicht. In der heißen Jahreszeit zwischen Mai und September standen alle Schiebetüren und -fenster weit offen. Wo in seinem Zimmer sollte Kaempfer die angesammelten Bücher und Objekte bis zur Abreise verstecken? Wem sollte entgangen sein, daß er, Imamura und andere unentwegt die Köpfe zusammensteckten, Texte durchgingen, daß übersetzt, erklärt und geschrieben wurde? Nochzumal bei ihm, wie Kaempfer selbst schreibt, ein reger Publikumsverkehr herrschte.

In dieser Mißachtung von Verboten waren Kaempfer und seine Zuträger nicht allein. Seit einem halben Jahrhundert kämpfte die Ostindische Kompanie ebenso wie die Regierung in Edo vergeblich gegen den Privathandel zwischen Kompaniepersonal und Japanern in Nagasaki an. Faktoreileiter wie Cleyer kehrten aus Nagasaki als gemachte Leute heim, die japanischen Gouverneure von Nagasaki kamen ebenso auf ihre Kosten wie die Handelsleute. Beim Tode von Imamuras Mentor, dem Stadtteilvorsteher Yoshikawa Gibuemon, entdeckte man fünf Kisten mit Gold in seinem Speicher auf Dejima. Die Dolmetscher und viele der Beamten der lokalen Verwaltung kannten einander von Kindesbeinen an, ihre Familien waren einander durch Heirat verbunden. Unbestreitbar gab es spektakuläre Zwischenfälle, Festnahmen und Prozesse mit drakonischen Strafen. Auch bei handelspolitischen Spannungen mit der Kompanie ließen die japanischen Behörden bisweilen die Muskeln spielen. Doch in ruhigen Zeiten wie den Jahren 1690 bis 92 gab es viel Spielraum, solange es nicht zu toll getrieben wurde. Warum sollte Kaempfer glauben, daß sein Gehilfe durch Verschweigen des Namens geschützt sei? Wäre ein Exemplar des Japanbuches Anfang des 18. Jahrhunderts nach Japan gelangt, so hätte der Name des Autors genügt, um Imamura dingfest zu machen. Die Europäer waren registriert, das japanische Personal auf Dejima ebenfalls, zudem lebten zahlreiche Zeugen. Wahrscheinlicher ist, daß Kaempfer seinen Zimmerdiener zwar als Informanten und Gefährten schätzte, doch die Angabe des Namens nicht für nötig hielt. Kaempfer verstand sich als Erforscher eines schwer zugänglichen Landes. Imamura spielte die entscheidende Rolle bei der Beschaffung und Übersetzung der Materialien, die geistige Durchdringung hielt Kaempfer sich selbst zugute. Als er Japan verließ, war Imamura ein kluger vielversprechender junger Mann, doch ohne Amt oder Funktion und somit in seiner wie auch der standesbewußten Welt Kaempfers noch nicht namhaft.

 

Abb 3

Abb.3 Imamura Gen'emon

 

 

 Umbruch, Abschließung, Aufbruch

So wenig Kaempfer ohne den Hintergrund der batavischen Asienkundler verständlich wird, so wenig erklärt sich die Hilfe der Japaner durch Hinweise auf den Wagemut, die Intelligenz und Neugierde einzelner Japaner. Kaempfer kam zugute, daß man in seinem verschlossen wirkenden Gastland ungeachtet allen Mißtrauens, aller Verbote und Einschränkungen den Blick nach außen richtete. Es mutet wie eine Ironie der Geschichtsschreibung an, daß ausgerechnet Kaempfers 1712 publizierte Abhandlung über den Abschluß Japans unseren Blick auf jene Zeit trübt. Bei der Übersetzung dieses Textes aus dem Holländischen ins Japanische entstand Anfang des 19. Jahrhunderts der Terminus sakoku (Landesabschluß), der fortan die historische Beschreibung der Edo-Zeit bis in die Schulbücher beherrschte und erst in den vergangenen Jahren auf seine Tragfähigkeit überprüft wird. Im 17. Jahrhundert kann nach dem Verbot aller Auslandsreisen durch Japaner, nach der Vertreibung der letzten Iberer 1638 und der Isolierung der Niederländer auf Dejima im Jahre 1641 von einem freien Verkehr der Waren und Personen nicht mehr die Rede sein. Trotzdem wäre den Urhebern dieser Serie politischer ad-hoc-Maßnahmen das Wort „Abschluß“ nicht in den Sinn gekommen. Auf ihrem Banner stand die Kontrolle. Wo es als sinnvoll erachtet wurde, blieben die Türen durchaus einen Spalt offen.

Zudem ließ sich auch zu Kaempfers Zeiten der japanische Geist nicht so leicht in der Flasche halten. Denn in den vorangegangen zwei Jahrhunderten hatte Japan tiefgreifende Wandlungen erlebt. Die herkömmlichen Strukturen waren durch landesweite Hegemonialkämpfe zerstört. Der Überseehandel hatte während des 16. Jahrhunderts zahlreiche neue Dinge ins Land gebracht. Vieles davon stammte aus China, so Verbesserungen in der Verhüttungs- und Schmiedetechnik, der Papierherstellung, der Seidenweberei, im Buchdruck, im Schiffbau und in der Nautik. Aber auch die iberischen Missionare und Kaufleute, die seit 1649 Japan ansteuerten, brachten einiges mit an Navigationskenntnissen, Mathematik, Geographie usw. Die bis dato unbekannten Feuerwaffen wurden binnen kurzem im Lande produziert und wendeten den Lauf der Schlachten. Träger der Neuerungen in Japan waren nicht, wie einst, buddhistische Mönche oder Gelehrte, sondern Kaufleute und Handwerker. Aber auch die Welt der Gelehrten geriet in Bewegung. Man beobachtet eine Abkehr vom Buddhismus. Die Lehren des neokonfuzianistischen chinesischen Philosophen Zhu Zi (1130-1200) gelangen über Korea, wo sie rigide Züge annahmen, nach Japan. Mensch, Natur und Gesellschaft sind nun in ein umfassendes Lehrgebäude gezwungen. Da die Loyalität gegenüber „Autoritäten“ eine prominente Rolle spielt, werden die Zhu Zi-Studien von den Herrschern der jungen Tokugawa-Dynastie nach Kräften gefördert. Eine Art Infrastruktur konfuzianischer Akademien entstand im Land, und auch das kritische Lager muß sich an diesem anspruchsvollen Denken prüfen.

In ihrer Politik verfuhren die Machthaber pragmatisch. Japan hing vom Import wichtiger Güter und Rohstoffe ab und konnte sich waffentechnisch nicht mit den Europäern messen. Auch galt es, die Ereignisse in der Welt im Auge zu behalten. So mußten die Niederländer alljährlich einen Bericht über die Vorgänge in Europa und Asien abliefern, der durch wiederholte Befragungen auf Widersprüche überprüft wurde. Die Vermittlung technologischen Know Hows ging nach 1638, als man die letzten Iberer auswies, ungebrochen weiter. Es kennzeichnet die Einstellung der Reichspitze, wenn der Reichskommissar Inoue Masashige, der durch die Vertreibung der Missionare und Unterdrückung des einheimischen Christentums Karriere gemacht hatte, mit Nachdruck die Einfuhr westlicher Medizin, Pharmazeutik, Astronomie, Vermessungstechnik und Artillerie betrieb.[16] Dazu kam eine Gier der hohen Herren nach exotischen Raritäten, die denen europäischer Barockfürsten wenig nachstand: Kandelaber, goldenes Geschirr, Spiegel aller Größen, Ölgemälde von Seeschlachten, Uhren, Paradiesvögel, Feldhühner von den Kapverdischen Inseln, persische Fasanen, Hunde, Papageien, Tauben aus Agra und Pfauen, Samen und Setzlinge bis hin zu den seinerseit astronomisch teuren Tulpen, Brillen aus England, Fernrohre, Mikroskope, Lupen, Buchspiegel, Bücher mit Tier- und Pflanzenbildern.[17] All das, was im 18. Jahrhundert unter dem Namen „Hollandkunde“ (rangaku) zum Fundament der raschen Modernisierung heranreifte, ist schon im 17. Jahrhundert zumindest in Ansätzen vorhanden. Und in diesem Austausch spielen die Japaner den aktiven Part, sie sind es, die fordern, prüfen, ablehnen, übernehmen. Das Interesse an fremden Welten reichte bis in die Spitzen der Hierarchie. Nicht alles, was der Shôgun Tsunayoshi von den Europäern wissen wollte, war so verschroben, wie es Kaempfers indignierte Beschreibung suggeriert. Fragen nach der „Kleiderfasson“, nach Arzneimitteln, Krankheiten und deren Therapie, nach geographischen Distanzen, dem Alphabet usw. Bewegten auch Kaempfer hinsichtlich Japans. Ohne die Flexibilität und Neugierde der Japaner, ohne ihr Streben nach nützlichem Wissen wäre er in seiner Erkundung nicht weit gekommen.

In der Hierarchie der Kompanie galt der Faktoreichirurg wenig. Er gehörte nicht zum „qualifizierten“, das heißt kaufmännischen Personal. Kein Dokument von Dejima zeigt seine Unterschrift, und viele Faktoreileiter erwähnen im Diensttagebuch nicht einmal seinen Namen. Unter den Japanern hingegen war er ein gefragter Mann. Er wurde in die Stadt geholt, wenn einheimische Ärzte nicht weiter wußten. Das war auch während der Wochen in Edo so. Mehr als Faktorei-Kaufleute konnte der Chirurg sich umsehen, wurde von Ärzten und Gelehrten besucht, erfreute sich großer und kleiner Zuwendungen. So wies man Kaempfer den Zimmerdiener Imamura zu, weil der bei ihm Holländisch und Medizin lernen sollte. Auch durfte er Imamura dank des ärztlichen Beistandes für den Stadtteilvorsteher Yoshikawa, ausnahmsweise zweimal mit auf die Hofreise nehmen. Die Tradition des Geben und Nehmens, der kleinen Geschenke und Gefälligkeiten, die erwidert werden und die beiderseitige Wohlgesonnenheit nähren, tat das ihrige hinzu. Wenn Kaempfer Auskunft gab und Hilfe leistete, durfte er auch Auskunft und Hilfe erwarten. In seinem Fall war es zudem leichter, Vorschriften und Verpflichtungen zu ignorieren. Denn seine Position war "unpolitischer" als die eines Faktoreileiters.

 

Abb 1b
Abb. 1b Voogts Darstellung zeigt unter Nummer 28 die Wohnung des Oberchirurgen (Abb. 1b). Dort verbrachte Kaempfer die Jahre von 1690 bis 92.

 

 

 Aufbau eines Japanbildes

Kaempfers Japan, so wie er es aus der Fülle gesammelter Aufzeichnungen destillierte und dem europäischen Publikum darbot, ist in vielem eine Antwort auf Wünsche und Fragen, die in Batavia an ihn herangetragen worden waren. Mit dieser Arbeit begann er bald nach seiner Rückkehr in die lippische Heimat. Er wollte, wie es in einem Entwurf seines Vorwortes heißt, „den Zug vom königlich siamesischen zum kaiserlich japanischen Hof“ wegen seines „frischen Gedächtnisses“ zuerst entwerfen.[18] Das Manuskript Heutiges Japan und das der Amoenitates Exoticae entstanden während desselben Zeitraums. Für die gelehrte Welt schloß er die botanischen Studien in die Amoenitates Exoticae ein, ebenso Abhandlungen zur Moxa, zur Akupunktur, dem Ambergris, Tee und zur Abschlußpolitik Japans, die sich wegen ihrer Natur oder aber Länge nicht in dem als Überblick konzipierten zweiten Manuskript Heutiges Japan unterbringen ließen.

Ein Bereich seiner in Japan durchgeführten Studien blieb unveröffentlicht: die Erkundungen zur japanischen Sprache. Das ist bemerkenswert, weil de Jager gerade hierzu detaillierte Vorschläge machte und Kaempfer die angeforderten Silbenalphabete, Nachschlagewerke sowie ein kurzes Glossar durchaus zusammenbrachte.[19] Scheuchzer hielt in seiner Beschreibung des Nachlasses das Glossar für bedeutsam, wohl weil nach der Vertreibung der Missionare aus Japan in den dreißiger Jahren keine nennenswerte Arbeit zur japanischen Sprache erschienen war - von den Konversationsbeispielen und der Vokabelliste in Georg Meisters Der Orientalisch-Indiandische Kunst- und Lustgärtner (1692) abgesehen.[20] Nach Kaempfer schenkte erst wieder der Schwede Karl Peter Thunberg um die Mitte des 18. Jahrhunderts diesem Feld seine Aufmerksamkeit. Dennoch, so bemerkenswert und wertvoll Kaempfers sprachbezogene Aufzeichnungen für den heutigen Linguisten sind, den Jesuiten konnte er nicht das Wasser reichen. Deren 1603 in Nagasaki gedrucktes Vocabulario da Lingoa de Iapam umfaßt 32000 Stichworte. Es unterscheidet westjapanische von zentraljapanischen Formen, die Männer- von der Frauensprache und auch schriftsprachliche Termini sind gekennzeichnet. Kaempfer hatte während der Überfahrt von Batavia nach Japan eines der Jesuitenwörterbücher ausgiebig studiert. Vielleicht sah er deshalb von einer Publikation seiner Versuche ab. Daß im Japanmanuskript auch die schönen Künste unter den Tisch fielen, mag ebenfalls mit seinen wegen des kurzen Aufenthaltes beschränkten Japanischkenntnissen zu tun haben. Alle anderen Bereiche der japanischen Natur, Gesellschaft und Kultur finden sich entweder in den Amoenitates Exoticae oder im Manuskript „Heutiges Japan“. Beide Texte ergänzen einander. Es nimmt daher nicht Wunder, daß Sloane erwog, beide Werke in einem Doppelband auf Englisch zu publizieren. Als sich das nicht verwirklichen ließ, wurden die einige Abhandlungen aus den Amoenitates Exoticae übersetzt und der „History of Japan“ als Anhang beigefügt.

Im Rückblick auf die europäische Japanliteratur des 16. und 17. Jahrhunderts wirkt Kaempfers Heutiges Japan mit seiner Gliederung in Sachbereiche, mit seinen sogar auf dem delikaten Feld heidnischer Religionen um Nüchternheit bemühten Beschreibungen ein wenig fremd neben den erbauenden Sendbriefen und Märtyrerberichten der Missionare, neben den abenteuerlichen Reisebüchern der Ostindienfahrer und den mit ihren Exkursen über Gottes weite Welt und den so unterhaltsamen „Denckwürdige Gesandtschafften der Ost=Indischen Gesellschaft … an unterschiedliche Keyser von Japan“ (Amsterdam, 1670) von Arnoldus Montanus oder den „Wahrhaftige Beschreibungen dreyer mächtigen Königreiche Japan, Siam und Corea“ (Nürnberg, 1672) von Christoph Arnold. Weder ging er zur Staffelei, um bunte Bilder exotischer Welten zu malen, noch waren ihm europäische Staatsformen oder christlicher Glaube notwendige Voraussetzungen für das Gedeihen von Gesellschaften und das Glück des Einzelnen. Natürlich erreichte er keine Objektivität im absoluten Sinne. Kaempfers Entwurf vom fleißigen, ordentlichen Volk in einem Zustand des Friedens, der nötigenfalls und zu recht durch harte Maßnahmen gesichert wird, speist sich aus seinen Erfahrungen im Europa nach dem Dreißigjährigen Kriege. Doch gelang es ihm besser als den Autoren vor ihm, Vorurteile und andere Wahrnehmungsfilter beseite zu legen.

Kaempfers Text ist durchkonstruiert, in den Schilderungen aufzählend, nicht erzählend, über weite Strecken geradezu buchhalterisch. Zum Vorlesen an langen Winterabenden taugt er kaum. Seine auf die Abbildungen gemünzte Erklärung, daß diese zwar „unlieblich“ aber „origineel“ seien,[21] gilt gleichermaßen für die Sprache. Der Authentizität gab er allemal den Vorzug vor der Eleganz. Nur zu gerne würde ich Kaempfers Beschreibungstechnik und die Konzeption des Manuskripts Heutiges Japan auf eine Beschäftigung mit der Geographia generalis (Amsterdam, 1650) von Bernhard Varen zurückführen, der Mitte des 17. Jahrhunderts der Erdbeschreibung ihr methodologisches Fundament gab und einige Fazetten davon in seiner Descriptio Regiae Japoniae (Amsterdam, 1649) demonstrierte. Doch leider findet sich für eine solche Verbindung kein harter Beleg. Dieses Aufsplittern der Welt in eine Fülle von Einzelinformationen, die dann geordnet, verglichen und gruppiert werden, dieses Zurücktreten des Beobachters finden sich als Grundzug auch in den während der langen Reise angesammelten Materialien Kaempfers. Er liebte das Stichwort, unter das die Informationen zusammengefaßt wurden. Viele Stichwörter sind der Sprache der Einheimischen entnommen. Kaum ein Tier oder eine Pflanze, zu der er nicht die japanischen Namen, ja sogar die Schriftzeichen festhält. Von jener selbstherrlichen Aneignung der Welt, wie sie im Orientalismus des 19. Jahrhunderts kulminierte, ist er weitgehend frei. Herkunft, Werdegang und die stets untergeordnete Stellung mögen ihm diese Haltung erleichtert haben.

 

 

 Sachbezogenheit und Liebe zum Detail

Dennoch wurde nicht das gesamte Manuskript Heutiges Japan so sachbezogen angelegt. Die Anreise von Siam nach Japan am Anfang des Werks schien ihm wohl wegen der mit knapper Not überstandenen Stürme des Erzählens wert. Aber auch der Japanteil enthält Kapitel im Stile eines Reisetagebuchs.

Den Höhepunkt der Zeit in Japan bildeten die Fahrten an den Hof zu Edo im Frühjahr 1691 und 1692. Sie ermöglichten eigene Beobachtungen und eine Überprüfung der gesammelten Materialien. Doch die unterwegs gemachten Aufzeichnungen enthalten die meisten Fehler. Hier fehlte die Muse, die japanischen Begleiter kannten sich nicht aus. Zudem es gab fremde Augen ringsum, die Anstoß nehmen konnten, so daß man wohl mehr Distanz wahrte als innerhalb der Mauern von Dejima.

Kaempfer hätte die auf den „Hofreisen“ gewonnenen Informationen durchaus in den Sachkapiteln seines Manuskripts unterbringen können: die Routenkarten in der Schilderung der Verkehrswege, die Beschreibung der Tempel und Schreine in seinen Religionskapiteln usw. Doch zog er die Form des Tagebuchs vor. In der Nachbarschaft der Sachkapitel zu Pflanzen, Tieren, Mineralien, zur Abfolge der Kaiser usw. wirkt dieser Rückfall in die herkömmliche Reiseliteratur ein wenig fehl am Platz. Trotz allen Strebens nach Nüchternheit: so ganz verschwinden als Autor wollte Kaempfer wohl doch nicht. Die Nähe hoher Herren hatte es ihm zeitlebens angetan. Schon Meier-Lemgo wußte um Kaempfer als „Fürstenknecht“, Muntschik-Caesar fügte diesem Liede einige Strophen hinzu.[22] Kein Zweifel: der Gang zum Schloß in Edo war Kaempfer überaus wichtig.

Eigentlich hatte er Glück, daß zu seiner Zeit ein eigenwilliger Shôgun herrschte. Gewöhnlich blieben die Begleiter des Faktoreileiters im „Tigerraum“ genannten Antichambre zurück, während ihr Vorgesetzter in der „Großen Halle“ des Schlosses durch eine kurze, stumme Reverenzerweisung dem hinter einer dünnen Binsenmatte verborgenen Shôgun für die Erlaubnis zum Handel in Japan dankte. Von einer Audienz im westlichen Sinne, bei der jemandem Gehör geschenkt wurde, konnte nicht die Rede sein. Dazu kam die auf das Rufzeichen „oranda kapitan“(holländisches Oberhaupt) ausgeführte Prostration. Auf den Bodenmatten liegend wartete der Faktoreileiter mit gesenktem Haupt, daß man ihm ein Zeichen zum Rückzug gab. Im „Krebsgang“, wie es ein Tagebuch treffend charakterisierte, zog er sich dann zum Flur zurück, wo er er sich wieder aufrichten durfte. Im Antichambre wurde er von den anwesenden Japanern zum Gelingen dieses bedeutsamen Aktes beglückwünscht. Danach ging es zurück zur Herberge. Prostrationen gehörten im Westen zwar einst zum Zeremoniell des hellenistischen, spätrömischen und byzantischen Kaisertums, wurden aber schon von den Urchristen nur im Hinblick auf Gott akzeptiert. Welcher Faktoreileiter mochte daher über diese als erniedrigend empfundene Zeremonie viel schreiben.[23]

 

Abb 8
Abb. 3 Die Niederländer am Hofe des Shôgun. Frontispiz in Philipp Körber: Engelbert Kaempfers Reisen nach Japan. Für die Jugend bearbeitet (1850). Exemplar der Kyushu-University, Fukuoka.

 

 

Doch der fünfte Shôgun der Tokugawa-Dynastie, Tsunayoshi, war von besonderem Zuschnitt, einer, der außer der Reihe an die Macht gekommen war, der durch Kleinwuchs und andere Umstände der Vita sein gut Maß persönlicher Probleme hatte und mit höchst eigenwilligen Erlässen der Nation zusetzte. Schon 1680, im ersten Jahr seiner Herrschaft, ließ er er es nicht bei der stummen Reverenz bewenden. Der in der History of Japan erstmals publik gemachte, nach der offiziellen Reverenzerweisung stattfindende sogenannte „zweite Akt“ mit seinen Befragungen, seinen Gesangs- und Tanzdarbietungen hatte, als Kaempfer nach Edo zog, bereits eine zehnjährige Tradition. Er fand in der der „Weißen Studienhalle“ statt, einem für die Alltagsgeschäfte der Reichsspitze genutzten Raum. Eigentlich kam Tsunayoshi mit diesem Wechsel von Rede und Antwort der westlichen Vorstellung von Audienz weiter entgegen als alle seine Vorgänger und Nachfolger. Doch schoß er in seiner ungebremsten Neugierde über das vertretbare Maß hinaus. Kein Europäer ahnte, wie sehr diese Begegnung auch nach Maßstäben des japanischen Hofes den herkömmlichen Rahmen sprengte.

Kaempfers Schilderung seines Auftritts im Schloß wirkt zwiespältig. Einerseits fallen harte Worte wie „Pickelheringsreigen“ und „Affenpossen“. Doch zeigen die vielen, dieser Begegnung gewidmeten Seiten wie auch die sorgfältig ausgearbeitete Illustration seines Tanzes, wie wichtig ihm die Stunden beim Kaiser von Japan waren. Hier hatte er eine Geschichte, die den bunten Episoden anderer Reisewerke in nichts nachstand. Die über den größten Teil seines Japan-Manuskriptes hinweg aufgereihten nüchternen Beschreibungen von Land und Leuten erhalten mit der Reise an den Hof einen dramaturgisch wirkungsvollen Höhepunkt. Die Reaktion der Leser seines Japanbuches rechtfertigte Kaempfers Entscheidung. Während sich die Enzyklopädisten auf die trockenen Fakten stürzten, ließen sich die Dichter von der Audienz stimulieren.[24] Obwohl der Tanz vor dem Shôgun seit dem Tode von Tsunayoshi im Jahre 1706, also lange vor dem Druck der „History of Japan“, nie wieder stattfand, blieb dieses Sujet bis ins 19. Jahrhundert fester Bestandteil des europäischen Japanbildes. Noch Philipp Franz von Siebold, der 1826 nach Edo zog, betonte in seinem Opus Nippon, er und seine Gefährten hätten von Glück sagen können, „daß die von Engelbert Kaempfer beschriebene, von Tanzen und Singen begleitete Privatvorstellung der Niederländer vor dem hinter durchsichtigen Bambusmatten versteckten Hofe inzwischen [!] abgeschafft worden war.“[25] Und als Philipp Körber 1850 Engelbert Kaempfers Reise für die deutsche Jugend bearbeitete, tanzten in der einzigen Illustration des Bändchens die holländischen Puppen noch immer (Abb. 3).[26]

Hochzufrieden verließ Kaempfer 1692 Nagasaki. Sein Bild von Land und Leuten war detailliert und reich an Informationen. Mit der gefahrvollen stürmischen Anreise im Sommer 1690 sowie den Hofreisen und Darbietungen vor dem Kaiser hatte es zudem einen stimulierenden, schmuckvollen Rahmen gefunden. Die Rückreise nach Batavia und Europa war ihm keine Silbe mehr wert.

 

 

 Disparitäten im Japanbild

Kaempfers Abhandlung in den Amoenitates Exoticae (S. 478-502) beginnt mit einem erstaunlichen Pathos:

„Ist es nicht eigentlich ein Verbrechen, auf der kleinen Erde, die wir bewohnen, die menschliche Gesellschaft voneinander zu trennen? Tadelt, wer solche Trennung predigt, nicht den Urheber der Natur? Wir Erdbewohner schauen alle eine Sonne, wandeln auf einem Erdboden, atmen eine Luft. Keine Schranken der Natur, keine Gesetze des Schöpfers trennen uns voneinander. Sind wir Menschen etwa zu einem elenderen Lose geboren als Störche und Schwalben? Ist doch unsere edle Seele ein Teil des höchsten und freiesten Geiste! Und dem wäre es Schande, in einem Körper gefangen und überdies in das Gefängnis einer einzigen Gegend gebannt zu sein ... “[27]

In den argumentativen folgenden Passagen geht es dann etwas ruhiger weiter, doch auch hier bleibt ein appellierender, missionarischer Ton. Wer sich an den Stil in Heutiges Japan gewöhnt hat, reibt sich die Augen. Stammt dies wirklich aus der Feder ein und desselben Autors? Sind hier vielleicht Sentenzen anderer Schreiber zitiert oder zumindest eingearbeitet? Kaempfer vertritt zwar im Prinzip die Einheit der Menschheit, gesteht dann aber mit Nachdruck Japan eine Sonderrolle zu. Das japanische Volk übertrifft, so die Konklusion, alle Völker der Welt und hat dank der Beschaffenheit seines Landes und einen die Ordnung garantierenden Regenten den glücklichsten Zustand seiner Geschichte erreicht.

Natürlich schimmert auch im Manuskript Heutiges Japan Kaempfers Verständnis für die herrschende Lage durch, doch nirgends wird er hier so deutlich wie im Traktat der Amoenitates Exoticae , wo er sich, z.B. im Vergleich der Medizin, gar zu Hieben gegen das Abendland hinreissen läßt. Daß er sich unter der katholischen Leserschaft damit keine Freunde machen würde, dürfte er gewußt haben. Doch auch die aufgeklärten Köpfe des 18. Jahrhunderts hatten mit einer solchen Position ihre Mühe. Dohm, welcher in Anlehnung an Scheuchzers Verfahrensweise der Geschichte und Beschreibung von Japan eine Übersetzung dieses Traktats beifügte, fühlte sich zu neunseitigen “Nacherinnerungen“ genötigt, in denen er Kaempfers Thesen zurechtrückte.

Glaubte Kaempfer, dem gelehrten Publikum der Amoenitates Exoticae mehr zumuten zu können als der breiteren Leserschaft seines auf deutsch verfaßten Japanmanuskriptes? Wenn ihm das Japanbild in der Abhandlung zum Landesabschluß so bedeutsam war, wie die pathetischen Posen suggerien, fragt man sich, warum er diese Sicht im Manuskript Heutiges Japan derart abschwächte und ausdünnte. Wie immer man die Texte dreht und wendet, es bleiben Disparitäten, die nachdenklich machen.

 

 

 Kaempfers Nachlaß

Christian Konrad Wilhelm von Dohm (1751-1820) trat viele Dekaden später auf den Plan. Auch er in Lemgo geboren, hundert Jahre nach Kaempfer, wie dieser der Sohn eines Pastors (St. Marien). Auf den frühen Verlust des Vaters folgten wechselnden Vormundschaften und eine Kindheit bei Verwandten in verschiedenen Pfarrers-, Lehrer- und Kantorenhaushalten. Seine Leselust stillte er in der ererbten Bibliothek. Die Biographen weisen auf die der Meyerschen Hofbuchdruckerei angeschlossenen Buchhandlung von Christian Friedrich Helwing, seines späteren Schwiegervaters hin. Den Besuch einer Universität mußte er sich allerdings beim Lemgoer Magistrat erklagen. Seine Bewunderung für Friedrich II. ließen ihn eine Anstellung im preussischen Staatsdienst anstreben. Weitere Details wie auch seine Beziehungen zu Persönlichkeiten wie Gleim, Lavater, Garve, Engel, Sulzer, Lichtenberg, Freiherr von Stein, Jung-Stillung wurden eingehend analysiert.[28] Im Kontext der vorliegenden Studie interessiert Dohm nur als Herausgeber des Kaempferschen Japanwerks.

Die Umstände wurden von Hüls detailliert beschrieben, so daß hier Stichworte genügen. Als der Nachlaß der 1773 hochverschuldet gestorbenen Nichte Engelbert Kaempfers, Maria Magdalena, zur Versteigerung vorbereitet wurde, entdeckte man zu aller Überraschung zwei Manuskripte des Japanwerks. Hüls meinte, der Bruder Maria Magdalenas, Johann Hermann Kaempfer, habe sie beim Verkauf des Nachlasses in den Jahren 1723 bzw. 1725 „bewußt dem Zugriff Dr. Steigerthals entzogen“.[29] Doch inzwischen weiß man es genauer: das Japanmanuskript wurde nicht an Steigerthal, den Hof- und Leibmedicus des englischen Königs Georg I., veräußert, sondern zunächst von Philip Heinrich Zollmann erworben. Dieser deutschstämmige junge Mann, hochgebildet, vielsprachig und ambitioniert, suchte in Abstimmung mit dem Londoner Hofarzt, Sammler und Gelehrten Hans Sloane nach interessanten Objekten und Publikationen. Ihn faszinierte das Japan-Manuskript Kaempfers so sehr, daß er den Entschluß faßte, selbst eine englische Übersetzung anzufertigen. Deren Publikation wäre seinem Ansehen als „assistent secretary for foreign correspondence“ in der Royal Society for the Promotion of Science und seiner Karriere in England sehr zugute gekommen. Als Steigerthal nach langen Verhandlungen am 3. Dezember 1723 in Hannover eine Reihe Kaempferscher Kuriositäten übernahm, kaufte Zollmann für 200 Taler besagtes Manuskript einschließlich der Illustrationsmaterialien. Dem Vertrag zufolge sollte unmittelbar nach dem Erscheinen der englischen Übersetzung eine deutsche Ausgabe unter Johann Hermann Kaempfers Namen folgen. Dieser behielt hierzu ein zweites Manuskript aus dem Nachlaß bei sich.

Kurz darauf kehrte Zollmann mit seiner Erwerbung nach London zurück und ging, von Sir Sloane angespornt, ans Werk. Er entdeckte allerlei Mängel, um deren Behebung er, so heißt es bald, Johann Hermann bitten werde. Doch kurz darauf verließ das Manuskript England. Als Sekretär des mit Verhandlungen am französischen Hof beauftragten Horace Walpole reiste Zollmann nach Paris. Sloanes Befürchtungen um den Fortgang der Arbeiten waren begründet. Ende Mai erwähnte Zollmann, daß ihm die Zeit fehle. Im folgenden Monat sah es nicht besser aus. Zwar kehrte er im Sommer nach London zurück. Doch mit seiner Ernennung zum Sekretär des britischen Gesandten Stephen Poyntz und der bevorstehenden Abreise nach Stockholm sah er schließlich ein, daß eine zügige Übersetzung unter diesen Umständen nicht zustandekäme. Zollmann überließ Sloane, wohl schweren Herzens, das Manuskript und wurde für seine Auslagen entschädigt.[30]

Erst jetzt trat der bei Sloane mit der Ordnung der Bibliothek befaßte Johann Caspar Scheuchzer (1702-1729) auf den Plan. Sloanes Vertrauen in die Fähigkeiten des jungen Schweizer Arztes wurde nicht enttäuscht. Im August 1725 waren etwa zwei Drittel des Textes ins Englische übersetzt. Die Mühen Scheuchzers waren enorm. Reste einer Übersetzung von seiner Hand zeigen erhebliche Abweichungen vom späteren Druck, so daß man wohl nach der Korrektur durch englische Muttersprachler eine weitere Reinschrift angefertigt hatte.

Das deutsche Manuskript diente als Arbeitsmaterial; an seiner Bewahrung im ursprünglichen Zustand lag Scheuchzer wenig, das Projekt ließ ihm ohnehin weder die Zeit noch die Kräfte hierzu. Auf vielen Seiten wurden Sätze ausgeweitet, umgeschrieben, Streichungen vorgenommen. Scheuchzer strebte keine wortgetreue Übersetzung an. Im Vorwort schreibt er:

„What I chiefly aimed at was to express the sense of the author, in as clear and intelligable a manner, as was not inconsistent with the nature of the subject, and the genius of the English language.“[31]

So ganz hielt er nicht Wort. Religiöse Vorbehalten verleiteten ihn, überall dort, wo Kaempfers Darstellung japanischer Religionsrichtungen zu wohlwollend ausfielen, diese abzuschwächen, und vorhandene kritische Bemerkungen nach Möglichkeit zu verschärfen.

Auch in der Grundstruktur des Werkes kam es zu Eingriffen. Eine neues, anhand von Kaempfers Tagebuch der Siamreise entworfenes Kapitel über die Reise von Batavia nach Ayutthaya und den Aufenthalt dort entstand. Im vierten Buch stellte man das letzte, nur als Überschrift vorhandene Kapitel über japanische Bekanntmachungen, Passierscheine und andere Dokumente aus Unterlagen Kaempfers her, die alles andere als druckreif waren. Skizzen wurden nach Scheuchzers Gutdünken ausgewählt und zu zugegeben prächtigen Kupferstichen verarbeitet. Dies geschah keineswegs im Verborgenen und galt nicht als problematisch. Eine Mitteilung im Journal des Sçavans vom Februar 1727 beschreibt Änderungen, die über die des tatsächlichen Druckes sogar hinausgehen.

Das angekündigte Werk konnte noch im selben Jahr gedruckt werden. Ungeachtet aller Kritik der heutigen Kaempfer-Forschung an den Eingriffen in den Text und der - teils unvermeidbaren - Freiheit in der Wahl und Gestaltung der Abbildungen hatte Scheuchzer eine großartige Leistung vollbracht. Der Erfolg seiner Edition war verdient und hart erarbeitet.

Kaempfers Neffe, war, wie der englische Historiker Derek Massarella 1995 in einer Studie zeigte, damit noch nicht aus dem Spiel. Er mochte von der Herausgabe einer deutschen Version nicht lassen, zumal die englische Ausgabe großes Aufsehen erregte und er nach dem Druck der französischen und niederländischen Ausgabe eine daraus übersetzte deutsche Ausgabe befürchtete. In einem 1730 verfaßten Schreiben an Steigerthal heißt es, daß die Meiersche Hofdruckerei einen deutschen Druck ins Auge gefaßt habe, das bei ihm verbliebene Manuskript aber nicht vollständig sei. Das zweite Buch fehle ganz, das dritte und fünfte seien so schlecht geschrieben, daß man den Text nicht entziffern könne. Zudem habe er noch keine der ihm eigentlich zugesagten Druckplatten für die Illustrationen erhalten.[32]

In London reagierte man derart zurückhaltend, daß Johann Hermann glaubte, man wolle sich nicht an die Abmachungen des Kaufvertrages von 1723 halten. Sloane und Zollmann sahen das wohl nicht in dieser Schärfe. Fast zwei Jahre verstrichen, bis man, um mögliche Unruhen in der gelehrten Welt zu vermeiden, schließlich im März 1732 eine Abschrift an Steigerthal schickte.[33] Wir wissen leider nicht, ob es sich um das gesamte Manuskript handelte oder nur jene Teile, die in Lemgo fehlten bzw. schlecht lesbar waren. Man wüßte nun gerne, was Kaempfers Neffe nach dem Erhalt dieser Sendung aus London unternahm. Angesichts seines Drängens und Zeterns kann man sich nur schlecht vorstellen, daß in den folgenden vier Jahren bis zu seinem Tode nichts mehr geschehen sein sollte. Den Traum eines deutschen Drucks konnte er jedoch nicht mehr verwirklichen.

 

 Dohm als Täuscher?

Mit Johann Hermann Kaempfers Ableben im Jahre 1736 gingen die Bestände an seine Schwester Maria Magdalena über. Auch sie hinterließ bei ihrem Tode 1773 beträchtliche Schulden, die es durch Zwangsversteigerung der Hinterlassenschaft zu tilgen galt. Darunter befanden sich die zwischen 1640 und 1736 aufgebaute Kaempfersche Familienbibliothek mit 2111 Titeln, Engelbert Kaempfers Stammbuch, seine Physiologia Specialis und zu aller Überraschung zwei Manuskripte seines Japanwerks.

Letztere wurden durch den Lemgoer Bürgermeister und Besitzer der Meyerschen Hofdruckerei Christian Friedrich Helwing (1725-1800) im Sommer 1773 noch vor der für den Oktober angesetzten Versteigerung zurückgestellt. Anton Friedrich Büsching (1724-1793) aus Schaumburg-Lippe, einer der großen Geographen der Aufklärung, Oberkonsistorialrat, Direktor der Vereinigten Berliner und Cöllner Gymnasien in Berlin und Autor der in Göttingen verlegten elfbändigen Neuen Erdbeschreibung sowie einiger in der Meyerschen Hofbuchhandlung gedruckten Arbeiten, machte diesen Fund öffentlich und auch die Absicht, „das deutsche ungedruckte Original“ herauszugeben. Die Handschriften gingen unverzüglich an den zweiundzwanzigjährigen Christian Wilhelm von Dohm, der die Materialien unter Büschings „Rath und Beystandt“ zum Druck vorbereiten sollte.[34]

Etwa ein halbes Jahr verstrich mit der Untersuchung der Echtheit. Durch Vergleich mit zwei Briefen Engelbert Kaempfers und autograpischen Teilen im Stammbuch wurde die eine Handschrift als Kaempfers „Originalhandschrift“ bestimmt. Dies war keine Reinschrift, denn, wie es heißt „manche Blätter“ waren „in demselben doppelt, manche fehlen, oft ist drin corrigirt, weggestrichen, zugesezt.“ Dohm teilt leider nicht mit, auf welche Weise man das zweite Manuskript prüfte. Es stamme, so die Konklusion, von der Hand Johann Hermann Kaempfers. Dohms Angaben zufolge war es „ganz rein, ordentlich und für den Druk geschrieben“.[35]Das Deckblatt mit dem Titel entstand nach dem Erscheinen der History of Japan. Offensichtlich wollte Johann Hermann Kaempfer sich eng an dieses prächtige und erfolgreiche Vorbild halten.

Natürlich stellte Dohm sich die Frage, was für ein Manuskript wohl nach England gegangen sei. Seine Vermutung, daß „Kämpfer ein so wichtiges Werk mehr als einmal schrieb, zu dem er manche einzelne Theile schon auf seinen Reisen mehr oder weniger ausgearbeitet hatte“, ist hinsichtlich der Entstehungsgeschichte des Textes plausibel. Nach einigem Hin und Her kam er zu dem Schluß, daß auf seinem Tisch „die vielleicht früheste und unvolkommenste Originalhandschrift Kämpfers“ sowie „eine zum Druk fertige getreue Abschrift des Neffen“ lag. Auch das klingt akzeptabel. Die von Scheuchzer benutze Version hielt er für eine „wahrscheinlich gleichfals eigenhändige Handschrift des Verfassers“, d.h. er nahm an, daß Johann Hermann Kaempfe inserted by FC2 system