Jahresbericht 11, Japanisch-Deutsche Gesellschaft Westjapan, Festschrift zum dreißigjährigen Jubiläum, Fukuoka 1987, S. 47 - 51.


Wolfgang Michel

Der Japponner scharffe Justitie


Eine der lebendigsten und authentischsten Schilderungen Japans aus dem 17. Jahrhundert stammt von dem Dresdener Georg Meister (1653 - 1713), [1] der als 'Hofmeister' des für die niederländische Vereinigte Ostindische Compagnie (VOC) arbeitenden Kasselaners Andreas Cleyer (1634 - 1697/98) zweimal nach Japan kam. Cleyer, eigentlich Lizentiat der Medizin, hatte seinerzeit als Oberkaufmann die Leitung des japanischen Kontors übernommen, und mit ihm verbrachte Meister die Jahre 1682-83 sowie 1685-86 auf der kleinen Insel Dejima. Nach einer Dekade in Ostasien in seine Geburtsstadt Dresden zurückgekehrt, wurde er dort 1689 am kurfürstlichen Hofe, wo man Exotisches zu würdigen wußte, als 'Orientalischer Kunst- und Lustgärtner' eingestellt, eine eindrucksvolle Amtsbezeichnung, die er dann in den Titel seines im Selbstverlag 1692 erschienenen Buches setzte. [3] Dieses Werk, nach Angaben des Autors keine Reisebeschreibung, da die Welt mit solchen ohnehin voll sei, stellte die Hottentotten am Kap ebenso vor wie die von ihm in Ostasien beobachteten Kulturen, Pflanzen und Sprachen. Ich möchte hier aus den Kapiteln zu Japan nur einen Zwischenfall herausgreifen, zu dem auch japanisches Hintergrundsmaterial vorliegt.

Daß die Gerichtsbarkeit der Japaner unerhört streng sei, wurde von vielen Autoren jener Zeit hervorgehoben. Dies mutet eigentlich etwas merkwürdig an angesichts der damaligen europäischen Strafpraxis, die der Japans sicher nur wenig nachstand. Doch lassen wir zunächst Meister selbst zu Wort kommen. [4]

"Anno 1686. als ich das ander mahl in Jappan war, wurden auff einmahl 18. Personen, welche was Particular - Güter von ein oder andern Compagnies Diener den Holländern heimlichen behandelt und abgekauffet hatten, also fort ins Gefängnis geführet, und wenig Tage hierauff zu Nange Säqui gecreuziget, und mit Speren durchstochen; welche schreckliche Execution, bevor durch ein Perspectiv, wir genau von unsern Desima sehen kunten."

Auf dieselbe Angelegenheit kommt Meister an einer anderen Stelle seines Buches noch einmal zurück: [5]

"Bey unsern Negotien passirte nichts sonderbares, als wie schon gedacht, daß die armen fast unschuldigen Menschen wegen fast keiner Schuld, oder kleine zwar contra Befehl des Käysers, wegen Particular - Handel der Commercien von den Japponnern, 18. Mann schmählichen nicht allein vor ihre Person gecreuziget worden, sondern auch, welches fast ohne Thränen zu vergiessen, der aller unmittleidigste Mensche von Christen, nicht mit an sehen sollen, viel ihrer unschuldigen Kinder zugleiche von denen Scharffrichtern, so hier grün gekleidet gehen, (damit sie vor andern zu erkennen) jämmerlichen die Köpffe abgehauen, welche unschuldige Lämmer nebst ihren Vätern als sie nach ihrem Golgatha in starcker Begleitung des Kaysers Soldaten, mit Ober - und Unter - Pangosen vor unsern Desima vorbey und wie gedultige Schafe zu ihrer Schlacht=Bancke giengen, und freundlich grüsseten, sich beugeten und gute Nacht nahmen, welchs in Wahrheit einen fast das Hertze brechen machte, wenn man das leichte Verbrechen und die unschuldige Unschuld des Todtes bey sich erwegete, bevor der armen unschuldigen Kinder, welches ich nimmermehr vergessen werde."

Bekanntlich war der Handel zwischen den niederländischen bzw. chinesischen Kaufleuten in Nagasaki und festgelegten einheimischen Händlern nur zu bestimmten Terminen und unter strengster Kontrolle erlaubt. Alle Waren wurden bis dahin in Lagern gehalten, die man zwar tagsüber zu diversen Vorbereitungen etc. betreten durfte, nachts aber verschlossen wurden. Auch war es den einund auslaufenden Schiffen untersagt, in den japanischen Küstengewässern Kontakte zu Einheimischen aufzunehmen, vom Handel ganz zu schweigen. Meister zufolge hatten Japaner, die auf Dejima arbeiteten, von den Niederländern Gegenstände des persönlichen Gebrauchs (Partikular-Güter, d. h. keine VOC-Güter) gekauft und hinausgeschmuggelt. Versuche, diese Verbote zu unterlaufen, kamen immer wieder vor. Doch 1885 häuften sich solche Probleme, bei deren Lösung der Bugyo, der von Edo aus eingesetzte Statthalter in Nagasaki, nicht immer eine glückliche Hand bewies, was sicher dazu beitrug, die Sltuation zu verschärfen. Zunächst ließen sich in der Chinesensiedlung einige Chinesen in ihrem Lagerhaus einschließen, um des Nachts Waren durch das Fenster hinauszuschmuggeln. Bei einem weiteren Zwischenfall wirft man von einer chinesischen Dschunke Seidenballen über Bord, die von kooperierenden Japanern dann aufgefischt werden sollten. Auch die 17 Kisten Porzellan, die in der Bucht treiben, waren nicht durch Zufall ins Meer gepurzelt. [6]

Dejima wird jetzt schärfer kontrolliert. Am 5. August vermerkt das Tagebuch des Faktoreileiters Cleyer, daß man einen der japanischen Händler, welche die Niederländer mit lebensnotwendigen Alltagsgütern versorgen, festgenommen habe. Kurz darauf setzt man dem die Insel umschließenden Zaun scharfe Spitzen auf. Bis Ende September macht man nach und nach achtundzwanzig Japaner zwischen vierzehn und dreiundsechzig Jahren dingfest, die acht Niederländer als Komplizen angeben. Da das Strafregister des Bugyosho erhalten und sogar editiert vorliegt, füge ich zum Vergleich den betreffenden Auszug bei: [7]

Bei den Holländern handelte es um Hendrik Obe (Oberchirurg), Pieter Portier (Unterkaufmann), Joan de Heere (Unterkaufmann), Willem Bolthon (Unterkaufmann), Noelant van Dickelen (Assistent), Cornelis Simons (Seemann) sowie vermutlich um einen Joan Harmantel und einen Jan de Borg. Der Faktoreileiter Cleyer schreibt im offziellen Tagebuch (3. November 86) von fünf Kreuzigungen und vierzehn Enthauptungen. Meister zählte achtzehn Enthauptungen. Engelbert Kaempfer, der wenige Jahre später auf Dejima weilte, kam auf zehn. [8] Tatsächlich aber waren es, wie man aus dem Strafregister ersieht, vier Kreuzigungen, vier Enthauptungen mit anschließendem Ausstellen der Köpfe, elf einfache Enthauptungen und neun Verbannungen aus der Stadt. Drei Verbannungen hebt man dann wieder auf, darunter die des Vierzehnjährigen. Jene herzzerreißende Szene mit den Kindern, die sich höflich verabschieden und zu ihrem Hinrichtungsplatz geführt werden, hatte sich offensichtlich nur in der Phantasie Meisters abgespielt. Die den ganzen Oktober hindurch in eisernen Handschellen zu Hausarrest auf Deshima verdonnerten Holländer dürfen am 3. November per Schiff nach Batavia ausreisen. Auch Cleyer wird als Verantwortlicher am selben Tag ausgewiesen. Insofern kamen alle Europäer glimpflich davon.

Ob die Schuld der VOC - Leute tatsächlich so vernachlässigbar klein war, wie Meister schrieb, sei dahingestellt. Zumindest der offizielle Bericht Cleyers sollte nüchtern gesehen werden, da er der Rechtfertigung in Batavia diente. Und sicher nicht ganz zufällig zog er sich nach dieser Affäre in Nagasaki mehr und mehr ins Privatleben zurück. Kaempfer gibt Cleyer als einem "gewissen Residenten" die Schuld, der den Partikulärhandel "so grob" getrieben habe, daß zehn Japaner geköpft wurden und er das Land verlassen mußte. Eva Kraft, die sich eingehend mit diesem Fall befaßte, [9] gewann den Eindruck, daß Tauschgeschäfte mit Einzelgütern aus dem persönlichen Gepäck bis 1885 üblich und erlaubt gewesen sein müssen. [10] Ein reines Gewissen hatte man aber gewiß nicht. Meister selbst vermerkt, dies sei "contra Befehl des Käysers" gewesen. Zudem pflegten japanische Besucher Dejimas ihre heimlich erstandenen Kleinigkeiten nicht durch das Tor an den Wachen vorbei, sondern über die Umzäunung nach draußen zu bringen. Jeder, der Augen im Kopf hatte, wird sich sein Verslein darauf gemacht haben. Ein umsichtiger Faktoreichef hätte durchaus absehen können, daß nach den zahlreichen vorangegangenen Zwischenfällen solche Tauschgeschäfte nicht ohne Risiko waren und seine Leute zügeln müssen.

Von den speziellen Aspekten des Zwischenfalls abgesehen, wundert man sich über die dramatisierende Schilderung Meisters, der in anderen Belangen den Japanern viel Lob spendete, in dieser Frage jedoch eine sehr kritische Haltung einnimmt, ja seine Beobachtungen als Beleg für einen allgemeinen Wesenszug Japans ausgibt. Tatsächlich findet man in fast allen westlichen Quellen jener Zeit eine derartige Tendenz, die sogenannte grausame Seite der Japaner herauszustellen, was nicht unbedingt nur in der Sache begründet war. Die ersten Entwürfe zu diesem Bild stammten aus dem 16. und frühen 17. Jahrhundert, als die europäischen Missionare von zunehmend schärferen Unterdrückungen berichteten. Im Zuge der Abschlußpolitik und Christenverfolgungen kursierten dann im Abendland vielfach übersetzte Berichte von Metzeleien aller Art, teils sogar illustriert, welche das Lesepublikum nicht unberührt ließen. Doch spätestens mit dem Ausbruch des 30jährigen Krieges konnte man eigentlich auf solche fernöstlichen Anregungen verzichten; die Massaker, welche die Christen untereinander veranstalteten, standen da in nichts nach. Ein zweites, vielbehandeltes Motiv war das des 'Bauchaufschneidens', in unzähligen Beschreibungen und Stichen wiederholt. Über die Prozeduren wußte man bestens Bescheid, sah sich aber außerstande, das dahinter liegende Wertsystem und Denken zu erfassen. Und schließlich fanden sich die Niederländer auf Dejima in einer Situation, die auf jeden Ankömmling traumatische Wirkungen gehabt haben dürfte. Sie, die in Südostasien nach Gutdünken walteten und schalteten, sich in ihren Haushaltungen Sklaven hielten, der 'schwarzen Jungs' noch in Dejima nicht entbehren wollten und sie zuweilen derart traktierten, daß es sogar den 'grausamen' Japanern mißfiel, diese Niederländer lebten plötzlich nahezu als Strafgefangene. Kaum eine Gelegenheit, die enge Insel zu verlassen, unter Beobachtung, Reglementationen in Hülle und Fülle, Mißtrauen, Verbot der Religionsausübung. Um das zu ertragen, war eine latente Bedrohung geradezu psychisch notwendig, um den einjährigen Aufenthalt zu überstehen und die eigene Duldsamkeit vor sich und später dann dem staunenden europäischen Lesepublikum zu rechtfertigen.


Anmerkungen

[l] Zur Biographie Meisters siehe das Nachwort von F. Berger in: F. Berger und W. Bonsack (Hrsg.) in "George Meister. Der Orientalisch-Indianische Kunst- und Lust-Gärtner" (Weimar 1972) oder W. Michel, "Die Japanisch - Studien des Georg Meister" (Dokufutsu Bungaku kenkyu, Fukuoka 1986).

[2] Zu Andreas Cleyer siehe Eva Kraft, "Andreas Cleyer. Tagebuch des Kontors zu Nagasaki auf der Insel Deshima 20. Oktober 1682 - 5. November 1683." Bonn 1985.

[3] Der Orientalisch=Indianische Kunst=und Lust=Gärtner (...) Dresden, In Verlegung des Autoris, druckts Johan Riedel Anno 1692.

[4] ebenda S. 143

[5] ebenda S. 201f.

[6] Japans Dagh-register, gehouden bij d'Heer Andreas Cleijer (Tagebuch der niederländischen Faktorei auf Dejima vom 17. Oktober 1685 bis 5. November 1686)

[7] Morinaga Taneo (Hrsg.): Nagasaki bugyosho hanketsu kiroku. Hankachô. Nagasaki 1958, Band I, S. 53ff. (森永種夫編『犯科帳 : 長崎奉行所判決記録』 長崎 : 犯科帳刊行会, 1958、第1巻 )
[8] Engelbert Kaempfer: Geschichte und Beschreibung von Japan (hrsg. C. W. Dohm), Lemgo 1777-79, Band II, S. 116

[9] dto.

[10] Eva Kraft: Andreas Cleyer, S. 50f.

 

 

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