JAPANINFO, No. 5, Ulm 10.4.1995, p.6

Wolfgang Michel

Im Zweifelsfall


Der heimtückische Sarin-Anschlag auf zufällige U-Bahn-Benutzer im Tokioter Berufsverkehr, ein noch nicht lange zurückliegender Anschlag mit Sarin in der Provinzstadt Matsumoto, ein Kidnaping-Fall, in den ein führendes Mitglied der Aum-Sekte verwickelt war, das Attentat auf den Chef der japanischen Polizeibehörde - der durch das Erdbeben in Kobe ohnehin stark mitgenommenen Befindlichkeit der Bevölkerung wurden in diesen Wochen empfindliche Schläge versetzt, die langfristige Folgen haben werden.

Eine Fahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln durch Tokio zeigt schnell, daß das einstige Gefühl der Sicherheit verflogen ist. Die Abfallbehälter entfernt oder in Plastikplanen verhüllt, allerorten Anschläge, man solle beim Bemerken verdächtiger Objekte unverzüglich den nächsten Bahnhofbeamten informieren, Lautsprecherdurchsagen ähnlichen Inhaltes auch in den Zügen. Wer heute bei einer Erkältung nach Landesart seinen Mitmenschen zuliebe eine Gazemaske vor Mund und Nase zieht und dann vielleicht noch ein ausgelesenes Magazin, eine zusammengerollte Zeitung oder ein Päckchen beim Aussteigen zurückläßt, riskiert eine Panik. Das bisher übliche gemütliche Vorsichhindösen bringen nur robustere Naturen zustande. Man beachtet, man beobachtet die Umwelt mit dezenter Aufmerksamkeit.

Daß die Täter rasch dingfest und hart bestraft werden, ist der einhellige Wunsch aller, nicht nur der Japaner. Auch, daß die Ermittlungsbehörden jedem Hinweis, jedem Verdacht entschlossen nachgehen. Doch haben sich in diesen Tagen auch Dinge ereignet, die im Hinblick auf die Zukunft, auf mögliche ähnliche Ereignisse sehr nachdenklich machen. Es liegt in der Natur der polizeilichen Ermittlungstätigkeit, stets vom Schlimmsten auszugehen. Von den Medien hingegen sollte man eigentlich eine gewisse Distanz erwarten, eine sachliche Darstellung der Zwischenergebnisse, eine Scheidung von Vermutung und Fakt - besonders in einer derart psychisch aufgeladenen Atmosphäre. Leider, leider war dem viele Tage lang nicht so. Presse und Fernsehen fuhren mit ausgebauter Bremse die Boulevards auf und ab. Das Wahrnehmungsvermögen der Öffentlichkeit wurde Tag für Tag eingeengt und gerichtet. Es war, als ob die Aum-Sekte zur Leinwand für die Projektion aller finsteren Regungen diente, die ein einigermaßen gesitteter Mensch zeit seines Lebens erfolgreich unterdrückt, kontrolliert und nun unter gesellschaftlich legitimierten Bedingungen aus sich herauslassen konnte. Kein Argument war zu gering, um es nicht als Beleg für die Abartigkeit dieser Sekte auszubreiten. Sogar die streng hierarchische Organisationsform mußte herhalten - ausgerechnet in einer Gesellschaft, in der man ohne Berücksichtigung der sozialen Stellung des Partners keinen Satz formulieren kann.

Es dauerte eine geschlagene Woche, bis der Sprecher der Aum-Sekte und deren Anwalt zu Wort kamen. Vieles, was sie so von sich geben, wirkt auf uns Ungläubige ziemlich abstrus. Anderes durchaus bedenkenswert. Auch gibt es sogar konservative Experten, die der Sekte zwar das Know-How zur Herstellung von allerlei Giftgasen zugestehen, sich aber die Durchführung der U-Bahn-Anschläge durch diese Leute nicht recht vorstellen können. Ganz zu schweigen von jenem Anschlag auf den Chef der Polizeibehörde, den offenbar nur ein profimäßiger, kaltblütiger Planer und Schütze ausüben konnte.

Ob sie's nun waren oder nicht, ob all 'diese haarsträubenden Verbrechen vom selben Täterkreis ausgingen oder von verschiedenen Gruppen, Individuen, die Ermittlungen werden hoffentlich bald eine überzeugende Antwort liefern. Bis dahin aber ist Nüchternheit geboten.
Die Polizei hat durch die dramatisch spektakulären Durchsuchungen der Sekteneinrichtungen vor den Kameras der Weltöffentlichkeit viel riskiert. Solte dort kein konkreter, vor Gericht verwertbarer Beleg auftauchen, wäre das ein enormer Gesichtsverlust, der personelle Konsequenzen haben dürfte.Ein rascher Ermittlungserfolg wäre aber auch wünschenswert, um jenen Stimmen den Resonanzboden zu entziehen, die diese Gesellschaft ohnehin für zu liberal finden und bei jeder Gelegenheit einen stärkeren Staat fordern.

Wie gefährlich die Vermischung von Nachrichten und Unterhaltung, das Gebräu aus Fakten, Gerüchten, Meinungen und Vermutungen im Verein mit beliebig kombiniertem Bildmaterial ist, wurde wieder einmal auf bedrückende Weise vorgeführt. Hoffentlich haben wenigstens einige nachdenkliche Journalisten etwas dazugelernt.


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