JAPANINFO No.7, Ulm, 23.5.1995.
Wolfgang Michel

Kaum Grund zum Aufatmen


Der teure Yen, die Schwierigkeiten mit Amerika, die schleichend wachsende Arbeitslosenquote, die noch immer mehr als 40 000 Obdachlosen in Kobe - in diesen langen Wochen vor der Verhaftung verblaßte nahezu alles hinter den im Fernsehen tausendfach wiederholten Posen des Aum-Sektenführers Asahara, hinter einer Mordszene vor dem Sektenhauptquartier, hinter den Bildern der um Atem, um ihr Leben ringenden Opfer des Kampfgasanschlages in Tokyo. Das Wohlbefinden der Gesellschaft ist nachhaltig gestört, ja nahezu zerstört. Endlich kam die Verhaftung, doch leider nicht die ersehnte Erlösung, denn es gibt wenig Anlaß zur Entspannung.

Nicht nur, daß erneute Anschläge keineswegs ausgeschlossen sind. Japan hat in diesen Monaten eine Serie von Verbrechen erlebt, die in ihrer Monströsität und Merkwürdigkeit mehr als beunruhigend sind. Die Aufklärung - wollen wir hoffen, daß sie restlos gelingt - hat gerade erst begonnen, weshalb ich hier einmal ein anderes, vielleicht noch wichtigeres Problem ins Auge fassen will. Warum nur, fragt man sich angesichts der Interviews und Pressekonferenzen, warum nur werfen sich offenbar intelligente Absolventen bekannter Universitäten so leicht in die Arme eines selbsternannten Propheten, der Religion mit Untergangsvisionen und politischen Zielen verknüpfte und dann in die Kriminalität abtauchte?

Wer mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen beruflich zu tun hat, bemerkt immer wieder deren Suche nach Sinn und Zielen, gepaart mit großer Unruhe, ja Zukunftsangst. Diese Unruhe, Unsicherheit ist vermutlich stärker als in westeuropäischen Ländern, weil das sture Auswendiglernen in Schulen und Paukschulen, allzu auch oft noch die "Ferien" hindurch, die 18jährigen nach bestandener Universitätsaufnahmeprüfung in eine erschreckende Leere entläßt. Nun gälte es eigentlich, selbständig zu denken, eigene Ziele zu setzen, die Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Doch gerade das wurde zuvor in Elternhaus und Schule gar nicht geschätzt. Und das angesammelte, abstrakte, meist in Faktenhäppchen zersplitterte Wissen taugt wenig, wenn es um Analysen, Urteile, Beurteilungen, um aktive Bewältigung einer komplexen Wirklichkeit geht. Es fehlte die Zeit zum Spiel, zum Erleben, Nachdenken, zur aktiven Auseinandersetzung. Natürlich versuchen viele der "Prüfungshölle" glücklich entronnenen Studenten, dies nachzuholen. Unvergeßlich die Gesichter der zahlreichen Freiwilligen, die während der Semesterferien nach Kobe eilten, um den Erdbebenopfern zu helfen!

Doch das war eine Ausnahmesituation, der Notfall. Was bietet die "normale" Welt der Erwachsenen? Zunächst vier Jahre in einer Hochschule - zugegeben geruhsame Jahre, denn woher sollte auch die Energie kommen für ein rastlos voranstürmendes Studium. Und danach? Ein marodes politisches System, in dem Parteien mit diametralen Zielen um der Macht willen eine handlungsunfähige Regierung bilden. In dem Gouverneurskandidaten von nahezu allen Parteien gemeinsam aufgestellt werden. In dem viele Bürgermeisterkandidaten auf dem Lande mangels eines Gegenkandidaten schon durch die Registrierung als Kandidat allein gewählt sind. Firmen, die bei guten Geschäften Überstunden verlangen und bei schlechten Geschäften erst recht. Die bei ihren männlichen Angestellten zwar eine Heirat erwarten, doch je nach Branche diese alle paar Jahre in eine andere Stadt versetzen, bis Frau und Kinder irgendwann einmal aus schulischen und anderen Gründen nicht mehr mitziehen. Firmen, in denen weibliche Angestellte Wunder vollbringen müssen, um ähnlich respektiert zu werden wie ihre männliche Konkurrenz. Das mag in Zeiten hohen Wirtschaftswachstum dank stetig steigender Gehälter noch ertragbar gewesen sein. Doch inzwischen wird Stillhalten nicht mehr durch Sicherheit entgolten. Man spürt, man ahnt, daß sich ein Berg ungelöster Probleme aufgestaut hat, daß vieles anders werden muß, daß Arbeitsplätze nicht garantiert sind, daß das gesamte Leben weniger berechenbar sein wird. Zu viel droht in Bewegung zu geraten.

In einem gewissen Sinn geht es den Freshmen der Universitäten kaum anders als dem Rest der Gesellschaft. Man hatte, ein scheinbar klares Ziel vor Augen, rastlos geschuftet, schier Übermenschliches vollbracht, alles andere geopfert, scheinbar kleine Probleme beiseite geschoben, verdrängt. Nun ist man vorn, doch alles hat sich inzwischen gewandelt, man fragt sich, wie es weitergehen soll, und allerlei Verdrängtes taucht unvermittelt wieder auf.

Wenn da einer auftritt, der im Chaos dieser Umwelt einfache Prinzipien aufzeigt, der (wer hat es selbst nicht schon mal vermutet) weiß, daß es zu Ende geht, aber übersinnliche Kräfte, Orientierung, Rettung verspricht, dann sind die Widerstandskräfte gering. Da erscheint wieder ein Ziel am Horizont, eines mit kosmischen Dimensionen gar. Man kann etwas aufbauen, etwas Neues, Besseres. Wer etwas leistete, kam sehr schnell voran. In welcher Organisation findet man so viele junge Leute in der Spitze? Die rasche Expansion der Mitgliederschaft und der Abschluß gegenüber die Außenwelt förderte wohl die Allmachtsphantasien. Zunächst war der Weltuntergang nur vorhergesagt, doch da er auf sich warten ließ, wollte man ihn schließlich herbeiführen. Der Tod von Unschuldigen wurde dabei als Durchgangschance zur nächsten, besseren Existenz schöngeredet. Die "Minister" bereiteten sich offenbar auf ihre neue Funktion für den Tag danach vor.

Die Nachfrage nach Sinn, nach Zielen, Vorbildern, nach allem, was den Menschen in dieser verwalteten Welt über die Enge des alltäglichen Daseins hinaushebt, ist nach wie vor da und groß. Wer wird nach Asahara als nächster die Leimruten auslegen? Verantwortungsbewußten Politikern müßte es Schauder über den Rücken jagen. Wie lange noch kann es sich die japanische Gesellschaft leisten, in Zeiten eines rasanten Wandels und zunehmender Überalterung die Energien ihrer Jugend zu verpulvern, deren Hoffnungen und Ängste einfach zu ignorieren?


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