Wolfgang Michel: Japans Rolle in der frühen Vermittlung der Akupunktur nach Europa [Japan's Role in the Early Conveyance of Acupuncture to Europe]. In: Deutsche Zeitschrift für Akupunktur, Vol. 36, No. 2 (April 1993), pp. 40 - 46. Heidelberg.
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Summary

The impressive cultural aura of ancient China blocks the view of its neighbouring countries far too easliy. Despite their geographic vicinity to the "helikon" of the East, these countries handled the culture they adopted from her with surprising independency. Thus, Japan's role in early information on acupuncture and moxibustion reaching Europa has not received sufficient recognition. The first documented reports by Europeans came from Japan and are fare older than assumed to date. W. ten Rhijne and E. Kaempfer based their detailed descriptions on their experience in Japan. Some of the remedies, methods and concepts they presented were actually of purely Japanese origin and unknown in China. Several examples of misunderstood concepts etc. are described and the reasons for why they were perceived incorrectly are discussed.

Résumé

L'éclatant rayonnement culturel de la Chine ancienne occulte trop souvent les pays voisins qui, malgré leur proximité géographique par rapport au hélicon oriental, ont développé une approche dont l'originalité est étonnante, en s'appropriant la tradition du patrimoine culturel.

Ainsi, le rôle du Japon n'est pas suffisamment reconnu, en ce qui concerne la première réception de l'acupuncture et de la moxibustion en Europe. Les premières observations faites par des Européen au Japon pour lesquelles existent de preuves sont plus anciennes que l'on ne l'aurait pensé auparavant. Willem ten Rhijne et Engelbert Kaempfer qui ont rédigé de plus amples descriptions, ont également acquis leurs expériences dans ce pays. Ils ont montré que certain moyens, procédures et conceptions sont des inventions purement japonaises qui n'ont pas leur pareil en Chine.

Sont relevés également différents malentendus exemplaires et les conditions de leur perception.

Zusammenfassung

Die überwältigende kulturelle Ausstrahlung des alten China verstellt nur allzu leicht den Blick auf die anrainenden Länder, die trotz ihrer geographischen Nähe zum Helikon des Ostens erstaunlich eigenständig mit den übernommenen Kulturgütern umgingen. So wird die Rolle Japans in der frühen europäischen Rezeption der Akupunktur und Moxibustion nicht hinreichend wahrgenommen. Die ersten belegbaren Beobachtungen durch Europäer sind älter als man bisher annahm und kommen aus Japan. Auch W. ten Rhijne und E. Kaempfer, welche ausführlichere Beschreibungen verfaßten, sammelten dort ihre Erfahrungen. Bestimmte, von ihnen vorgestellte Mittel, Verfahren und Konzepte waren zudem autochthon japanische Entwicklungen, die es in China nicht gab. Es werden weiter einige exemplarische Mißverständnisse und die Bedingungen ihrer Perzeption aufgezeigt.

 

Wolfgang Michel

Japans Rolle in der frühen Vermittlung der Akupunktur nach Europa


China ließ die zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts vor den südlichen Hafenstädten aufkreuzenden Barbaren aus dem Westen nicht ins Land. Die Länder ringsum hingegen wollten oder konnten sich den Europäern nicht verschließen. Kein Wunder also, daß die ersten Meldungen zur Akupunktur von dort stammten. Schon der Däne Jakob de Bondt, dem die früheste Bemerkung zur Akupunktur zugeschrieben wurde,[1] bezieht sich 1658 auf Japan und Java, wo man bei chronischen Kopfschmerzen, bei Obstruktionen der Leber und Milz, auch bei der Pleuritis mit einem silbernen oder aus Stahl gemachten Stylus, nicht viel dicker als die Saiten einer Zither, durch langsames oder sachtes Einführen die genannten Innereien durchstoße, so daß er auf der anderen Seite wieder herausträte (!).[2] Japan hatte nur zwei Dekaden zuvor ein knappes Jahrhundert christlicher Missionierung abgeschüttelt, in dem vorwiegend iberische Jesuiten im Lande wirkten. Diese äußerten sich gelegentlich zur einheimischen Medizin, so daß die ersten Hinweise zur Akupunktur weitaus älter sind, als das in der bisherigen Forschung dargestellt wird. So schreibt ein Pater Lourenço Mexica aus Mação in einem auf den sechsten Januar 1584 (!) datierten Brief an den Abt des Collegio in Coimbra, Padre Miguel de Sousa, daß die Japaner dank des Klimas und ihrer Ernährung im allgemeinen sehr gesund seien. Falls sie einmal erkrankten, würden sie bei allen Leiden den Bauch, die Arme, den Rücken etc. mit silbernen Nadeln stechen.[3] Natürlich nahmen die Jesuiten auch einige Akupunkturtermini in ihre Wörterbücher auf, besonders in das berühmte japanisch-portugiesische Vocabulario da Lingoa de Iapam (1603/4), wo es z.B. unter dem Stichwort 'hari' in deutscher Übertragung heißt:

'Hari. Nadel oder Lanzette. Hari wo hineru. Nadeln oder Nägel zur Behandlung an bestimmten Körperteile setzen. Hari wo tsukô. Lanzettieren, wie bei Aderlässen von Pferden.[...]'

Der Ausdruck 'hari wo hineru', wörtlich 'Nadel drehen', weist auf eine der Stechtechniken, die Drehnadelung (hineribari), hin. Das Vocabulario enthält weitere Stichwörter wie 'Schlagnadel' (uchibari), 'Haltenadel' (tomebari), 'Silbernadel' (ginshin) und 'Goldnadel' (kinshin), auf die ich weiter unten zurückkomme. Nadeln wurden von 'Nadelschleifern' (harisuri) hergestellt und die Akupunkteure 'Nadeldreher' (harihineri) oder 'Nadelsetzer' (haritate) genannt.

Daß man nicht nur einfach stach, erfahren wir unter dem Stichwort 'Breit-Nadel' (hirabari), die korrekt als Lanzette erklärt wird, mit der man bei Pferden oder Menschen Blut ablasse. Für den Fall der Pferde findet sich ein weiteres Beispiel unter 'Blut' (chi). Und der Missionar Luis Frois schreibt 1585 in einer kulturvergleichenden Abhandlung, daß man in Europa 'Menschen gewöhnlich an den Armen zur Ader' ließe, jedoch 'bei den Japanern mit Blutegeln oder mit dem Messer am Kopf und bei den Pferden mit Lanzetten'. Derartige Lanzettierungen zum Abbau von Stauungen und der Entwfernung schlechten Blutes wurden bereits im chinesischen Klassiker Huangdi Neijing behandelt. Auch in Japan waren sie als 'Kanalstechen' (shiraku ) bekannt, wurden jedoch nicht zu allen Zeiten praktiziert.[4]

Die 'Trakte und Kanäle' ('Leitbahnen', 'Meridiane') wurden von den Jesuiten ebenso wie von vielen späteren westlichen Autoren als Blutgefäße mißverstanden:

'Jûnikei. Zwölf Venen an den Füßen und Händen, von welchen die Mediziner sprechen. Zum Beispiel jûnikei, jûgoraku. Siehe jûgoraku.'
'Jûgoraku. Fünfzehn Venen, z.B. jûnikei jûgoraku. zwölf und fünfzehn Venen des Körpers von welchen die Mediziner sprechen.'

Fünf Behandlungspunkte sind im "Vocabulario" sogar namentlich aufgeführt, allerdings nur für die Moxibustion. Und man hatte die Tafeln (zukyô) und Modelle (zubôshi) berücksichtigt, welche die 'Leitbahnen' und Punkte zeigen. Unzweifelhaft waren die Iberer mit der japanischen Akupunktur vertraut, wenngleich sie wohl das dahinterstehende Denken nicht richtig verstanden. Der gemeinhin für die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts postulierte Beginn westlicher Beobachtungen zur Akupunktur ist mithin um ein gutes Stück zu verschieben. Ausführlich beschrieben und einem breiten Publikum vorgestellt wurde das therapeutische Nadeln in der Tat erst in der zweiten Jahrhunderthälfte. Zur Orientierung werfen wir daher einen kurzen Blick auf die japanische Medizin jener Zeit.

Neben einer weitgehend aus Europa übernommenen rudimentären Chirurgie muß unter den chinesisch geprägten Richtungen hier zunächst die auf Li Dongyuan sowie Zhu Danxi zurückgehende Li-Zhu-Schule (japan. Rishu) genannt werden, die sich an der Medizin der Jin-Periode (1114-1279) und Yuan-Periode (1280-1367) orientierte und, weil diese jünger ist als die vormals übermächtige songzeitliche Heilkunde (960-1278), in Japan auch als 'Schule des späteren Zeitalters' (Goseihôha) bezeichnet wird. Besonders Feuchtigkeit und Hitze als äußere Ursachen sowie Konstitution, falsche Ernährung, Affekte und Überanstrengung als innere Krankheitsfaktoren spielten eine Rolle. In Konkurrenz hierzu stand seit den sechziger Jahren des siebzehnten Jahrhunderts die auf Liu Wansu und Zhang Zihe zurückgehende Liû-Zhang Richtung mit einer Betonung der Fünf-Phasen-Sechs-Qi-Lehre sowie der Anwendung stärkerer Medikamente. Sie vermochte sich nie gegen die Li-Zhu Medizin entscheidend durchzusetzen und ist in Japan auch unter dem Namen 'Andere Schule des späteren Zeitalters' (Goseihô-beppa) bekannt. Aus der Sicht der Traditionalisten galten beide Richtungen als 'modernistisch', halfen doch in der Praxis die höchst komplexen Theorien der chinesischen Jin- und Yuan-Tradition nicht im erhofften Maße. Ausgelöst durch die philosophische Abwendung vom songzeitlichen Neokonfuzianismus und der Hinwendung zum ursprünglichen Konfuzianismus richtete man daher - wie es bei Krisen oft geschieht - den Blick auf das 'einfachere' Altertum. Besonders die Neubewertung des im dritten Jahrhundert von Zhang Zhongjing verfaßten Klassikers Shanghan lun ('Über Verletzungen durch Kälte') durch den chinesischen Konservativen Yu Chang in einem 1648 gedruckten Werk Shang lun pian zeitigte in Japan eine große Wirkung. Die dort aufkommende 'Schule der alten Praxis' (Kohôha, auch ko-ihô) zeichnete sich einerseits durch die Besinnung auf die 'Alten', andererseits durch die Betonung der Praktikabilität und Säkularität der Medizin aus. Insofern waren deren Repräsentanten wie Gotô Gonzan (1659-1733) oder Nagoya Gen'i (1629-1696) moderner als die 'Neueren'. Auffällig ist die besondere Betonung des Qi in ihren Konzepten.[5]

Willem ten Rhijne (?-1.6.1700), der den ersten großen Meilenstein in der Erforschung der Akupunktur setzte, stammte aus Deventer und war 1673 als promovierter Mediziner von der niederländischen Vereenigden Oostindischen Compagnie (VOC) eigens für den Dienst in Japan ausgesucht worden, um dort japanische Ärzte über die Chirurgie zu instruieren. Während des nicht ganz wunschgemäß verlaufenden zweijährigen Aufenthaltes (1675-76) in der Faktorei Deshima (Nagasaki) sammelte er seinerseits Informationen zur einheimischen Heilkunde. Auf die Moxibustion hatte ihn in Batavia Hermann Buschof, Verfasser des ersten diesbezüglichen westlichen Abhandlung,[6] aufmerksam gemacht. Die Brenntechnik und deren Nutzen bei der Gicht greift er in einer "Dissertatio des Arthritide" auf, die mit weiteren Arbeiten und Materialien zusammengefaßt 1683 publiziert wurde. Er hatte in Japan, wie seine "Mantissa schematica" zeigt, weiter ein chinesisches Lehrbuch aus dem elften Jahrhundert kennen, das in Japan wiederholt nachgedruckte 'Illustrierte Handbuch des Nadelns und Brennens der Transportpunkte, gezeigt an der Bronzefigur' von Wang Weiyi, dessen Titel (Tongren shuxue zhenjiu tujing) und Autor er in japanischer Lesung wiedergab. Dazu kam die Begegnung mit der Kunst des Nadelns, deren Namen er durch seine Arbeit "De Acupunctura" in allen westlichen Sprachen verankerte.

Drei Techniken werden in dem nicht sonderlich geordneten Akupunkturtext genannt: der einfache Stich, die Drehung mit der Spitze von Zeigefinger und Daumen und das Einführen mittels eines leichten Hammerschlages. Ein solches Hämmerchen samt der Nadel, die man im Stil aufbewahrte, hatte er nach Batavia mitgenommen und davon einen Kupferstich anfertigen lassen.


Fig.1 'Organ-Regionen' auf dem Bauch nach Mubun (Shindô hiketsu-shû, 1685)

Die sogenannte Schlagnadeltechnik (jap. dashinhô ) gab es in China nicht. Sie wurde in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts durch den japanischen Mönchen Mubun entwickelt, über dessen Person wir leider wenig wissen. Mubun ignorierte die herkömmlichen 'Leitbahn-Theorien' und entwarf ein Konzept, in dem die Bauchoberfläche zum entscheidenden Ort für Diagnose und Therapie wird. Dort definierte er Bereiche, die jeweils einem der elf traditionellen Organe zugeordnet sind (Fig.1). Deren 'Fülle-' bzw. 'Leere-Zustand' ermittelte man nun durch Palpation. Es kann sein, daß er sich vom sechzehnten Kapitel des chinesischen 'Handbuchs der Schwierigkeiten' (Nanjing) anregen ließ, wo man Rudimente einer Art 'Abdominaldiagnose' erkennt. Doch sein Konzept ist unvergleichlich komplexer, spielte doch der Bauch (hara) im japanischen Denken seit alters her eine herausragende Rolle. Mubuns mündlich erteilte Lehre ist in der 'Sammlung der Geheimnisse der Nadelung' (Shindô hiketsu-shû, 1685) zusammengefaßt. Ein Akupunkteur soll sich ihm zufolge, hier wird der Einflu ß des Zen-Buddhismus spürbar, mit reinem, leeren Herzen ans Werk begeben. Die Fingerkuppen der linken Hand mit Ausnahme des Daumens sitzen leicht auf der Haut, die Nadel ist zwischen dem Zeige- und Mittelfinger eingeklemmt. Mittels eines kleinen H ämmerchens treibt man sie flach, aber entschlossen in die jeweilige Bauchregion ein. Mubun unterschied je nach Behandlungsziel verschiedene Nadelungen:

die 'Feuerziehnadel' (hihiki no hari), um aufsteigendes Qi hinabzuziehen;
die'Siegeszugnadel' (kachihiki no hari) zur Sedierung bei ausgesprägter 'Fülle', 'Kälteverletzungen', Lebensmittelvergiftungen etc.;
die 'Rückzugnadel' (makehiki no hari) bei sehr schwachen, undeutlichen Symptomen, wenn sich das schädliche Qi (jaki) verborgen hält;
die 'Wechselziehnadel' (aihiki no hari) zur Tonisierung bei Erschöpfung, bei alten Menschen und zur Pflege;
'Magenerleichterungsnadel' (ikai no hari), um bei Überfütterung, Vergiftungen u.ä. ein Erbrechen zu bewirken und
die 'Streunadel' (sanzuru hari) zur Auflösung bei Stauungen von Qi-Blut.

Dazu kommt die im "Vocabulario" der Jesuiten verzeichnete 'Haltenadel' (tomebari' oder 'todomaru hari), die man zu beiden Seiten des Nabels in einer den Nieren zugeordneten Region eintrieb, um ein Ansteigen des sogenannten Meimon-Feuers in der rechten, den Samen bergenden, bzw. mit dem Uterus in Verbindung stehenden Niere zu verhindern.[7]

Die Schlagnadelungen Mubuns wurden durch Misono Isai (1557-1616) weiter verbreitet, von dem manche Autoren annehmen, er sei ein Sohn Mubuns. Misono propagierte zudem die Verwendung von Gold- und Silbernadeln - nicht um der Hygiene willen, vielmehr schienen ihm die Weichheit und der 'Wärmecharakter' dieser Metalle geeigneter als die bis dato gängigen Eisennadeln.

Wohl das meiste, was ten Rhijne über die japanische Medizin wußte, stammte von (ehemaligen) Dolmetschern, unter denen er Iwanaga Sôko (1634-1705) und Motogi Shô dayu Ryôi (1628-1697) namentlich hervorhob. Iwanaga war ein Schüler des berühmten Arztes und Dolmetschers Mukai Genshô. Motogi wiederum hatte sich erstmals in der japanischen Geschichte an die Übersetzung eines europäischen Fachwerkes, den Anatomischen Tafeln von Adam Kulmus, gewagt. Belegbar ist auch eine Begegnung mit einem der Leibärzte des Shôguns, Nishi Genpo (1636-1684), der sich während seiner Dolmetschertätigkeit in Nagasaki von holländischen Chirurgen ausbilden ließ und die ärztliche Laufbahn einschlug. Da ten Rhijne kein Portugiesisch sprach, war man auf das Niederländische beschränkt, das die Japaner in jener Zeit nur unzulänglich beherrschten. Über die Mühsal einer solchen Verständigung klagten auch die Kaufleute der Faktorei, welche unvergleichlich handfestere Themen angingen.

Ten Rhijnes Buch stand im Regal eines berühmten Nachfolgers, des Lemgoer Arztes Engelbert Kaempfer (1651-1716). Nach ausgedehnten Reisen kam Kaempfer 1690 nach Japan, wo er zwei Jahre verbrachte, in denen er unermüdlich Informationen und Materialien zu Land und Leuten, natürlich auch zur Medizin sammelte. Nach der Rückkehr reichte er in Leiden 1694 eine Dissertation, "Decadem Observationum Exoticarum", ein, in der die neunte Beobachtung der Akupunktur gilt: "De Curatione Colicae per Acu puncturam, Japonensibus usitatâ". Sie wurde wurde um eine Illustration ergänzt und überarbeitet unter demselben Titel im "Amoenitatum exoticarum" (1712) erneut abgedruckt und über den Anhang der Kaempferschen "History of Japan" (1727) bzw. "Geschichte und Beschreibung Japans" (1677-79) weit verbreitet.

Kaempfer hatte mehr gesehen als Ten Rhijne. So heißt es zur chinesischen Drehnadeltechnik ("Fineri Barri"= hineribari), daß die Nadel durch das Herumdrehen "hineingebracht" werde, indem man sie zwischen den Spitzen des Daumens und Mittelfingers halte. Geübte Ärzte könnten durch einen Schlag des Zeigefingers, den sie über den Mittelfinger legte und auf die Nadel drückten, die Haut eher durchstoßen, als die Nadel umdrehen.[8]

Die japanische Schlagnadeltechnik ("Uuts Barri" = uchibari) ist uns schon im Jesuiten-Wörterbuch von 1603/4 sowie bei Ten Rhijne begegnet, hier jedoch unvergleich besser beschrieben:[9]


Fig. 2 Schlagnadelung ( Hongô Masatoyo: Shinkyû chôhôki, 1712)
"Man nimmt die Spitze der Nadel in die linke Hand zwischen dem Mittel= und Zeigefinger, der auf dem Daumen ruhet, und nähert sie alsdenn dem Orte, in den gestochen werden sol, und der vorher wohl ausgewählt ist, damit er von keinen Nerven berührt werde. Alsden nimmt der Arzt den kleinen Hammer in die rechte Hand, und bringt die Nadel mit einem oder zwei Schlägen durch die äußere, harte Haut, legt dan den Hammer weg, und dreht die Handhabe der Nadel zwischen den Spitzen der vordern Finger, um sie bis zu der erforderlichen Tiefe in den Körper zu bringen, welche gemeiniglich einen halben, zuweilen, aber selten, einen ganzen Zol betragen, und in jedem Fal die Materie des Schmerzes berühren muß. Der Arzt hält die Nadel hier feste, bis der Patient ein oder zweimal Athem geschöpft hat, alsdenn zieht er sie aus, prest den Ort mit seinen Fingern, als wolte er den bösen Geist herausdrücken."

Gleichfalls japanischer Herkunft ist die 'Röhrennadel' ("Kuda Barri" = kudabari). Das kleine Röhrchen, laut Kämpfer "etwa ein Dritttheil eines Fingerbreits" kürzer als die Nadel, würde gebraucht, um "genau in den bestimmten Ort des Körpers ohne allen Fehler zu stechen." Es verhindere, "daß die Nadel durch einen starken Schlag nicht zu tief in die Haut eindringe" (Fig.3).[10]

Die letztgenannte 'Röhrennadelung' wurde von Sugiyama Wa'ichi (1610-1694) erfunden. Sugiyama, als Kind infolge einer Krankheit erblindet, hatte nach anfänglichem Scheitern seiner Akupunktur-Ausbildung dieses Verfahren im Verlaufe einer siebentägigen (anderen Quellen zufolge einundzwanzigtägigen) Meditation gefunden und damit einen Weg aus seiner Lebenskrise. In der Folge reifte er zu einem erstaunlichen Akupunkturarzt heran, erlangte 1681 in Edo den höchsten Beamtenrang für Blinde (kengyô) und richtete eine 'Lehr- und Übungsstätte für Akupunktur und Moxibustion' (harikyû-kôshûsho) ein.[11] Die Blinden des Landes verdankten ihm viel. Kaempfer hatte, ohne es zu ahnen, ein damals ziemlich junges Verfahren vorgestellt. Während die Schlagnadelung kaum noch praktiziert wird, sind Röhrennadeln heute international verbreitet.

Die ersten Akupunkturnadeln, die nach Europa gelangten, stammten aus einer japanischen Werkstatt. Ten Rhijnes Exemplar blieb in Ostindien, wo er sein Leben beschloß. Kaempfer brachte, wie eine Liste der Kuriositäten aus seinem Nachlaß zeigt, zwei goldene Nadeln, ein dazugehöriges Hämmerchen und Holzkästchen mit sowie ein weiteres Kästchen mit einigen Silbernadeln.[12] Hierauf gehen die Abbildungen in seinen Akupunkturarbeiten zurück. Heute sind im Museum of Mankind (London) leider nur noch die in der aufwendigen traditionellen Technik lackierten Behälter erhalten.[13]

Kaempfer stellte wie ten Rhijne fest, daß die Kenntnis, welche Stelle des Körpers gebrannt und gestochen werden müssen, einen "ganz besonderen Theil der Japanischen Chirurgie ausmacht". Die Regeln der Punktierkunst seien ausnehmend mannigfaltig und hätten besonders Beziehungzu den Winden als die Ursache des Übels, "nach welchen die berührenden Ärzte sowohl die Tiefe als den Ort des Stichs sehr genau bestimmen" müßten.

Ten Rhijne zählte einen breiten Therapiebereich der Akupunktur einfach auf: Kopfschmerz, Schwindel, grauer Star, Schlagfluß, Tollwut, Spannungen auf der Brust und im Rücken, Nervenzuckungen, Epilepsie, Schnupfen und Rheuma, intermittierende und Continua-Fieber, Hypochondrie, Melancholie, Ruhr, Cholera, Kolik und anderen Leiden, die aus Winden der Eingeweide herkämen, Hodenschwellung, Arthritis und Tripper.[14] Bei Kaempfer hingegen findet man im wesentlichen nur die Kranheit 'senki', einem ziemlich verwaschen definiertem Leiden, daß mal auf 'Feuchtigkeit' und 'Hitze', mal auf 'Leere' und 'Kälte' zurückgehen soll und die 'Leber-' oder die 'Nieren-Leitbahn' beeinträchtigt. Das Ganze wurde in sieben Varianten unterteilt, denen in etwa Schmerzen im Abdominalbereich gemeinsam sind. Hinzu kommen im Einzelfall Erbrechen, Herzschmerzen, Herzziehen, Qi-Verdichtungen im Bauch, 'Ansammlungen' unterhalb des Nabels, Schmerzen im Genitalbereich usw.[15]

Kaempfer versucht nun das eigentlich Unmögliche, nämlich eine Korellierung zwischen völlig verschiedenen Ätiologien, die natürlich nicht gelingen will.[16] Was ihm sein Dolmetschers Imamura Gen'emon übersetzte, deutete auf Koliken hin. Doch so ganz paßte das nicht, weshalb er nun zu umständlichen Erklärungen ausholen mußte. Es handele sich nur um diejenige Art von Leibschmerzen, "die zugleich die Därme angreift und auch in den Weichen unsers Körpers convulsivische Bewegung" errege, auch "die Muskeln und Häute des Unterleibes" angriffe. Dann heißt es, daß man "die heftige und schmerzhafte Empfindung der Ausdehnung" "im Lateinischen gemeiniglich mit Unrecht Colik" nenne, "weil der Darm, wovon diese Benennung herkömt, sehr oft unschuldig an dem Übel" sei. Dazu gesellten sich in Japan einige zufällige Begleiterscheinungen wie "Geschwulste, die hin und wieder am Köper hervorgehen." Oft ende sie auf eine schreckliche Art, indem bei den Männern einer der Hoden sehr stark anschwelle und daraus ein Fistelgeschwür entstünde, bei Frauen sich "eine Menge heslicher Klumpen am Hintern und der Schaam" bildeten. Warum Kaempfer nach all diesen Windungen und Wendungen dennoch auf dem Terminus Kolik beharrte, vermag man kaum nachzuvollziehen.


Fig. 3 Röhrennadelung (Hongô Masatoyo: Shinkyû-chôhô ki, 1718 )

Neun Stellen auf dem Unterbauch in der Form eines Quadrates mit einem Punktabstand von zwei Daumesbreiten würden bei zur Behandlung dieses Leidens senki gewählt. Die obere Reihe hieße "Sjoquan", die mittlere "Tjuquan" und die untere "Gecquan". Wenn in diesen drei Reihen "nach der Ordnung und den Vorschriften des Meisters der Kunst in gehöriger Tiefe gestochen" würde, hörten die Schmerzen "sogleich und oft in einem Augenblick auf, als wenn sie weggezaubert wäre". Er selbst habe das sehr oft gesehen.[17] In der Tat existieren in der Mitte der Oberbauchregion senkrecht untereinander auf dem 'Konzeptionsgefäß auch 'Lenker-Gefäß' (chin. renmai) drei Punkte jôkan (chin.shangwan, KG 13), chûkan (zhongwan, KG 12) und gekan (xiawan, KG 10). Und etwa in der angegebenen Entfernung jeweils spiegelbildlich rechts und links davon liegen auf der 'Magen-Leitbahn' shôman (chengman, M 20), ryômon (liangmen, M 21) und tai'itsu (taiyi, M 23), die wie die ersten drei bei Magen- und Darmbeschwerden empfohlen werden. Leider verschwieg Kaempfer die genauen Vorschriften des "Meisters der Kunst", und ich habe bislang auch keine Quelle gefunden, in eine derartige Neunpunkte-Konstellation beschrieben wird. Mit Sicherheit war das jedoch keine der traditionellen 'leitbahn-orientierten' Verfahren. Mit hoher Wahrscheinlichkeit stammt diese Therapie aus einer pragmatischen Schulrichtung, z.B. von Mubun oder aber Nagata Tokuhon (1512-1630), der einen ähnlichen Ansatz entwickelte.[18] Auch hier wurde eine eine japanische Sonderentwicklung vorgestellt.

Aus anderen Gründen atypisch ist die Illustration zu den besagten Punkten, welche auf dem Bauch einer Frau mit offenem Kimono demonstriert werden. Die barock-üppigen Formen, das fehlende Unterkleid wie auch die Pose entsprangen einem abendländischen Hirn. Zwischen ihr und der von Kaempfer in Japan angefertigten winzigen Skizze liegen Welten (Fig.4).

Fig.4 Kaempfers Skizze der Akupunkturkonstellation bei 'senki' (British Library, MS Sloane 3062, f.94r.)

Dank Kaempfers und ten Rhijnes Abhandlung ist die Akupunktur einem breiten Publikum bekannt. Obwohl nun Jahr für Jahr europäische Barbiere, Chirurgen und Ärzte ihren Dienst auf der Faktorei Deshima versehen, sollte es lange dauern, bis sich wieder jemand mit eigenen Beobachtungen zur Akupunktur meldete. Ein Grund dafür lag in den Schwierigkeiten, die fremden Konzeptionen zu ergründen. Kaempfer hatte sicher sehr unterschiedliche Erklärungen zu den einzelnen Nadelungen vernommen, aus denen er dann versuchte, ein geschlossenes Bild zu entwickeln. Dazu gesellten sich begriffliche Schwierigkeiten. Wenn die japanischen Dolmetscher auf portugiesisch oder holländisch über eingeschlossene, aufgestaute 'Winde', 'Dünste', 'Dämpfe' sprachen, versuchten sie, dem lauschenden Gast die Konzeption des Qi nahezubringen. Wie sonst aber hätten sie bei ihren beschränkten Sprachkenntnisse vorgehen sollen? Daß die 'Leitbahnen' auf den japanischen Tafeln zu Venen und Arterien werden, ist im Falle der Missionare verzeihlich, doch bei dem Mediziner ten Rhijne (Kaempfer bleibt da vorsichtigerweise höchst unklar) ein furchteinflößendes Beispiel für die Kraft kultureller Filter in der Perzeption unbekannter Objekte. Beide, ten Rhijne wie Kaempfer, leisteten sich in ihren Schriften zudem Formulierungen, die beim europäischen Lesepublikum den Eindruck erweckten, man befreie den Körper von aufgestauten Blähungen. Kein Wunder, daß Autoritäten wie Stahl und Heister indigniert reagierten.[19] Überdies legte Kaempfer eine taktisch höchst unkluge Gesamteinschätzung der Akupunktur und Moxibustion vor, die er beide als sanfte, liebliche und dennoch wirksame Therapien dem grausamen, verwundenden Stahl und dem glühenden Feuer der abendländischen Medizin gegenüberstellte.[20] Als Auftakt zur Übernahme neuer Heilverfahren klang dieses Fanal zu schrill.

In jüngster Zeit hat P.U. Unschuld aufgezeigt, daß 'die chinesische Medizin' ein Produkt der Neuzeit ist und u.a. auf die japanische Einstellung gegenüber den Theorien aus China hingewiesen.[21] Der besondere Weg Japans wird bereits bei der Betrachtung der frühen westlichen Rezeption der Akupunktur deutlich. Ich hoffe, daß ich zugleich demonstrieren konnte, wie vorsichtig und nüchtern man im Umgang mit Konzepten fremder Herkunft bleiben muß, wie leicht man im Drang zum Anschluß an den eigenen Wissenshorizont das Objekt der Begierde mißversteht, reduziert, zurechtbiegt. Das Studium der historischen Entwicklung wie auch der der interkulturellen Perzeption beschert uns zwar keine Geheimnisse, durch die man die moderne Medizin revolutionieren könnte. Aber es schärft die Sinne für die Mannigfaltigkeit der Bewegungen und ihrer Bedingungen, es hilft uns, alte und neue Stereotype zu erkennen und unsere Begrifflichkeit zu verfeinern. Davon bleibt selbstverständlich unberührt, daß jedes Urteil über den medizinisch-therapeutischen Wert der diversen Konzepte und Techniken dem Kliniker und praktizierenden Arzt vorbehalten bleibt.

 

Literatur
  • anon.: Racuyoxu. In Collegio Japonico Sociatatis Jesv [...] 1598. (Faksimile-Ausgabe, Benseisha, Tokyo 1977)
  • anon.: Vocabulario da Lingoa de Iapam. Nagasaki 1603. Supplemento. Nagasaki 1604. (Faksimile-Ausgabe, Benseisha, Tokyo 1973)
  • Arnold, H.J.: Die Geschichte der Akupunktur in Deutschland. Karl F. Haug Verlag, Heidelberg 1976.
  • Cartas que os Padres e Irmãos da Companhia de Jesus escreuerão dos Reynos de Iapão & China [...] desdo anno de 1549 atè o de 1580. [...]Em Euora por Manoel de Lyra, 1598
  • Feucht, G.: Die Geschichte der Akupunktur in Europa. Karl F. Haug Verlag, Heidelberg 1977.
  • Fujikawa, Y.: Der Arzt in der japanischen Kultur. Tokyo 1911 (Nachdruck Robugen GmbH, Esslingen 1976)
  • Fujikawa, Y.: Nihon igakushi. Kyoto 1942 (Nachdruck, Keiseisha, Tokyo 1972)
  • Hongô, M.: Shinkyû chôhôki. Edo 1718.
  • Kaempfer, E.: Disputatio Medica Inauguralis. A. Elzevier, Leiden 1694.
  • Kaempfer, E.: Amoenitatum exoticarum politico-physico-medicarum fasciculi 5. Meiersche Buchhandlung, Lemgo 1712.
  • Kaempfer, E.: Geschichte und Beschreibung von Japan. Aus den Originalhandschriften des Verfassers hrsg. von Christian Wilhelm Dohm. Meiersche Buchhandlung, Lemgo 1777-79. (Neudruck, F.A. Brockhaus, Stuttgart 1964)
  • Kakinuma, M. (Hrsg.): Sugiyama kengyô denki. Tokyo 1980.
  • Komatsu, Tatewaki (Hrsg.): Nagata Tokuhon sensei ikô. Fukuoka shôten , Tokyo 1904 (6. Auflage).
  • Lu, G. and Needham, J.: Celestial Lancets. A History & Rationale of Acupuncture & Moxa. Cambridge University Press, Cambridge 1980.
  • Maruyama, T.: Shinkyû koten ny û mon. Shibunkaku, Tokyo 1987.
  • Michel, W.: Wilhelm ten Rhijne und die japanische Medizin (I). In: Dokufutsu bungaku kenkyû , Nr. 39, S. 75-126, Fukuoka 1989.
  • Michel, W.: Wilhelm ten Rhijne und die japanische Medizin (II). In: Dokufutsu bungaku kenkyû , Nr. 40, S. 57-105, Fukuoka 1990.
  • Shindô hiketsushû, 1685. (Fujikawa-Collection, Kyoto-University)
  • Stiefvater, E.W.: Die Akupunktur des Ten Rhijne. 2. Aufl. Karl F. Haug Verlag, Heidelberg 1955.
  • Sugimoto, M., Swaine, D.L.: Science and Culture in Traditional Japan. Charles E. Tuttle, Tokyo 1989.
  • ten Rhijne, W.: Wilhelmi Ten Rhijne M.D. &c. Transisalano-Daventriensis Dissertatio de Arthritide: Mantissa Schematica: De Acupunctura: Et Orationes Tres. [...] . London 1683.
  • Unschuld, P.U.: Neue Erkenntnisse aus der Geschichte der traditionellen chinesischen Medizin. DZA 6 (1991) 122 - 128

 

 

Anmerkungen
[1]    z.B. Arnold, S.25ff.; Feucht, S.3f.; Lu / Needham, S.269ff.
[2]    Bondt, S.85
[3]    gedruckt in den Cartas, Segunda parte, lib. 1, f.123 v.
[4]    Fujikawa (1946), S.310, 418
[5]    Fujikawa (1911), S.31ff., 42ff.; Sugimoto und Swain, S. 277ff.
[6]    Ein kommentierter Nachdruck der deutschen Ausgabe von 1676 erscheint demnächst im Karl F. Haug-Verlag, Heidelberg. Eine weitere umfassende Studie zur westlichen Rezeption der Moxa zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert ist in Vorbereitung.
[7]    s. Ôtsuka, S.287; Maruyama, S.46 ff.
[8]    Geschichte und Beschreibung Japans, Bd.2, Anhang, S.426
[9]    Geschichte und Beschreibung Japans, Bd.2, Anhang, S.426
[10]   Geschichte und Beschreibung Japans, Bd.2, Anhang, S.426
[11]   Kakinuma, S. 3ff.; s.a. Ôtsuka, S.183f.
[12]   British Library, Sl Ms 3329 fol. 20 sowie Sl Ms 4019
[13]   Museum of Mankind (London), Q 72 As 1403 und As 1753 D10 1077
[14]   ten Rhijne, S.186
[15]   s. z.B. Hongô, Kapitel 'shinkyû shoby ô no chirei', Abschnitt 'senki'
[16]   Geschichte und Beschreibung Japans, Bd.2, Anhang, S.423 ff.
[17]   Geschichte und Beschreibung Japans, Bd.2, Anhang, S.427
[18]   Komatsu (Kapitel: Tokuhon Taga-ryû shinketsu hiden)
[19]   Heister, S.428f.; Stahl, S.76
[20]   Geschichte und Beschreibung Japans, Bd.2, Anhang, S.404
[21]   Unschuld, S. 127

 

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